Mutters Courage

 von George Tabori

Renaissane Theater
Regie und Kostüme: Torsten Fischer; Bühne: Herbert Schäfer; Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori

Eine Produktion der Hamburger Kammerspiele in Zusammenarbeit mit dem Renaissance Theater Berlin

mit: Nicole Hesters und Markus Gertken

George Tabori hatte seine Erzählung  – die fast unglaubliche Überlebensgeschichte seiner Mutter Elsa (1889 – 1963) –  bereits 1979 in ein Theaterstück verwandelt und mit Hanna Schygulla als Elsa Tabori in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Der Film, der in britisch-österreicher Co-Produktion 1994 entstanden ist und 1995 uraufgeführt wurde, ist eine weitere Adaption dieses Stoffes. Michael Verhoeven schrieb das Drehbuch und führt auch  Regie

Eines Sommertages im Jahr ´44, einem hervorragenden Erntejahr für den Tod, zog meine Mutter ihr gutes Schwarzes mit dem Spitzenkragen an, das sie, wie es sich für eine Dame geziemt, zur wöchentlichen Rommérunde bei ihrer Schwester Martha zu tragen pflegte. Sie setzte auch ihren schwarzen Hut auf und zog die weißen Handschuhe an… so beginnt ihr Sohn George seine Erzählung. Auf dem Weg zur Schwester wird Elsa Tabori in Budapest von zwei ungarischen Geheimpolizisten verhaftet und zusammen mit über 4000 anderen jüdischen Mitrbürgern in einen Viehwagen gepfercht und Richtung Auschwitz deportiert. An einer Umladestation geschieht das Unfassbare. Elsa nimmt im entscheidendsten Moment ihres Lebens ihren ganzen Mut zusammen und rettet sich.”
Tabori erzählt in seinem unnachahmbaren Stil, in dem sich “Chuzpe”, jüdischer Witz und tiefgründiger Humor, scheinbare Leichtigkeit und spöttisch-liebevolle Herzlichkeit sowie die gutgläubige Naivität und Schicksalsergebenheit seines Volkes offenbaren, die jähe Verhaftung und Deportierung – und Rettung seiner Mutter.
Aber leider verharrt diese Inszenierung in einer zwar intensiv und liebevoll dargestellten Erzählung einer Mutter-Sohn-Beziehung, in der ein nunmehr erwachsener Mann, Schriftsteller, jenes Ereignis mit eigener Phantasie ausschmückt und aufschreibt, das seine Mutter zunächst mit dem Tod bedrohte und dann ihr Leben rettete. Und Markus Gertken spricht eindringlich und mit überzeugendem Erzähltalent, so wie Nicole Heesters die eigene, nunmehr von ihrem Sohn leicht dekorativ ausgeschmückte Erinnerung mit wenigen Worten und Gesten begleitet, die zweierlei auszudrücken vermögen: zum einen sind ihre Gedanken nicht ganz so lebendig und mitreißend wie die ihres Sohnes, und zum anderen läßt sie ihn erzählen, in der liebevollen Gewissheit, dass er, der Dichter und Künstler, seine Freiheit der eigenen Darstellung benötigt. Aber leider fehlt jegliche dramatisierende Bearbeitung bis auf eine kurze Kostümveränderung des Erzählers in einen NS-Offizier.

Die Erzählung wurde mit Pauline Collins und Ulrich Tukur, der eine nicht ungefähre Ähnlichkeit zu Markus Gertken besitzt, verfilmt und,   obwohl mehrfach ausgezeichnet, typischerweise (was nicht sein kann, was nicht sein darf), mit negativen Kritiken bedacht. Man wollte weder dem Regisseur noch dem Autor die Authentizität einer Wirklichkeit abnehmen, in der es mit Sicherheit auch empfindsame, freundliche, hilfreiche Deutsche gab, wie hier den Offizier, einen Nazi, einen Mann, der verantwortlich für die Deportation der ungarischen Juden nach Auschwitz war, und der aus einer Eingebung, aus einem unerklärlichen Gefühl heraus, dieser Frau die Freiheit und damit ein neues Leben schenkte; und man glaubte dem Künstler ebenso wenig wie der Frau, die all das – beinahe wie eine Somnambule – erlebte und überlebte, wie von Geisterhand geführt, unberührbar durch die Schutzhülle ihrer weiblichen Eingebung. Eine Inszenierung, die nicht das herüberbringt, was man von ihr erwartet. Wie man Tabori inszeniert, zeigt das Berliner Ensemble in “Die Goldberg-Variationen”! A.C.

 

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