Stimmen im Kopf

Eine Musiktherapie von Wolfgang Böhmer und Peter Lund, 2013

Neuköllner Oper -Berlin
Musik. Leitung: Hans-Peter Kirchberg/Tobias Bartholomess; Regie: Peter Lund, Choreographie: Neva Howard; Bühnenbild: Ulrike Reinhard, Kostüme: Anna Hostert, Video: René von der Waar
mit: Maria-Danaé Bansen, Johannes Brüssau, Patrik Cieslik, Dennis Dobrowski, Christian Funk, Yvonne Greitke, Verena Jakupo, Andres Esteban, Anna Pircher, Larissa Puhlmann, Ira Theofanidis und Marion Wulf


Der gefährliche Freund ist hartnäckig

Peter Lund, Professor an der Universität der Künste, stellt in jedem Jahr das Ergebnis einer dreijährigen Ausbildung vor: Mit der jeweiligen Abschlussklasse, die junge Damen und Herren zu angehenden Musical-Stars prädestiniert, stellt er ein eigens für ihren Leistungstand geschriebenes und komponiertes Stück vor, das sich traditionsgemäß großer Resonanz erfreut – vor allem natürlich unter alten und neuen Freunden, Kommilitonen und Liebhabern der Neuköllner Oper.

In diesem Jahr also das Verwirrspiel mit Verwirrten, die sich in einer Klinik vor allem um sich selbst sorgen, während die einfühlsame Stationsschwester sich um alle sorgt, gestresst, genervt, geliebt und schikaniert vom Doktor, der zwar der Star der Station, aber letztlich doch ein bemitleidenswert überforderter Held nur ist. Der Krankenhausalltag wirbelt mit viel Freud und Leid über die klinisch sterile Bühne, Gefühlsstaus explodieren, Sehnsüchte lösen sich tränenreich auf, Beziehungen scheitern, Agressionen bleiben in der Regression stecken oder manifestieren sich in Süchten. Was durchgängige Erfahrung zu sein scheint: die Welt da draußen, die Angehörigen verstehen weder die Krankheit noch wollen sie sich mit der neuen Realität, nämlich einem psychisch veränderten Menschen, abfinden.
Um das Krankheitsbild der verschiedenen Patienten getreu darstellen zu können, haben sich alle Akteure ein Jahr lang intensiv mit Recherchen befasst, das heißt, sie haben sich vor Ort mit der Hilfe  von Fachleuten über psychische Erkrankungen informiert, um das irrationale Verhalten von Menschen , die mit seelischen Wunden, nicht verkrafteten Erlebnissen, körperlichen Defekten und  nervlichen Störungen verschiedenster Art belastet sind, mit großer Sympathie spielerisch aufzuzeigen. Nun müßte es kein Musical sein, wären hier nicht auch humoristische Einfälle, tänzerische Einlagen und tolle songs wunderbar in den Ablauf der story eingewoben, so daß sich mit Schalk, Nachdenklichkeit und einer die vielfachen Emotionen oft heftig aufgreifenden musikalischen Begleitung immer auch wieder Mut und Hoffnung auftun, um uns beweisen, das es möglich ist, diesem Schicksal zu trotzen und gegen scheinbar unvermeidliche Zustände anzukämpfen.

Und so freuen wir uns am Ende mit der introvertierten Nadine, dass sie auf den stets präsenten gefährlichen Freund im Kopf verzichtet, der Wirklichkeit ins Auge blickt, Mut faßt, sich zu öffnen und zu äußern; wir freuen uns mit der steifen, zickigen und doch so seelisch verkümmerten Karla, die ihre Angst  überwindet und endlich auch andere Menschen akzeptieren kann; und wir freuen uns mit der couragierten Stationsschwester Eva, die endlich ihren eigenen Weg gehen wird, und für alle anderen    “Patienten” auch, die ihre Fähigkeiten und Kompetenzen der Krankheit voranzustellen bereit sein werden.

Wir sahen dies Thema vor vielen Jahren in einer überaus gelungener Version des als Theaterstück inszenierten kleinen Dramas von Paul Coelho “Veronika beschließt zu sterben” im Potsdamer Theater – auch dort die Adaption – ebenso humorvoll wie einfühlsam, jedoch dramatisch weitaus zugespitzter – von  “Adams Äpfel” nach dem gleichnamigen weltberühmten dänischen Film. A.C.

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