Angst

  5 Pforten einer Reise in das Innere der Angst
Texte von Friedrich Hölderlin und Christian Jost
Auftragswerk des Rundfunkchores Berlin und von Deutschlandradio Kultur; Koproduktion der Komischen Oper Berlin und des Rundfunkchores Berlin, 2008/9

Musikalische Leitung: Simon Halsey; szenische Einrichtung: Jasmina Hadziahmetovic; Licht und Raum: Franck Evin; Kostüme: Katrin Kath; Video: Beate Baron; Dramaturgie: Ingo Gerlach

“Das Innerste zum Schwingen bringen”

 Auf der Bühne leuchten durch die Dunkelheit des Raumes zunächst und überwiegend nur die Grubenlampen wie kleine Glühwürmchen an den Stirnen der 64 Sängerinnen und Sänger, die, sich in Reih und Glied verschiebend, langsam durch den Raum bewegen, niemals statisch fest sind, liegen oder stehen, sich einander zuwenden oder das Publikum ansprechen; sie sind Vermittler und Gestalter dieser hoch ästhetischen Performance, die von Anfang an eine eigenartige sakrale Atmosphäre verbreitet – nicht nur durch das musikalische Arrangement, das mit hohen dramatischen Sopranstimmen wie eine endlose Klage durch den Raum gleitet, untermalt von den beruhigenden Tiefen der Männerstimmen. An die Monotonie der mittelalterlichen gregorianischen Mönchsgesänge erinnert diese Komposition, die gleichsam stimmliche und instrumentale Präsenz im Wechsel miteinander verbindet, indem sie die szenische und inhaltliche Vorgabe, verschiedene Arten von Ängsten immer wieder in Phasen der Besinnung aufzulösen, aufgreift.

Dann jedoch schwebt sehr bald ein durchsichtiger Kubus-Käfig über das Chorensemble, schließt es ein in das innere Gefängnis der Seelenpein. Ein lyrischer Text, der über der Bühne aufleuchtet, verdeutlicht die Darstellungen des Chores, der leider nicht ohne den Realismus von Notenblättern auskommt! Das geht es zunächst im 1. Akt (hier “Pforte” = Eingang in unser Innerstes) um ein schreckliches und großartiges Ereignis, das dem Erlebnisbericht des Bergsteigers Joe Simpson “Sturz ins Leere” entnommen ist und die Geschichte eines Mannes erzählt, der beim Besteigen eines Sechstausenders verletzt und von seinem gesunden Partner abgeseilt wird. Doch als dieser ebenfalls in der Gefahr schwebt, mit in die Tiefe gerissen zu werden, kappt er das Seil zwischen sich und dem Verletzten, der in eine Gletscherspalte stürzt und wie durch ein Wunder nach drei qualvollen Tagen gerettet wird.

Die Ängste, die durch dieses Ereignis pulsieren, geben der Musik einen begrenzten Raum der Entfaltung, denn korrespondierend mit den tatsächlichen Bedingungen – des Eingeschlossensein in der bedrohlichen Bergwelt, die schnell übersehbare Konsequenz des Unglücks, die wenigen Chancen des Überlebens – setzen der Komposition den Rahmen: die Gefühle des Verunglückten wie des Helfers gleichen einer unsäglichen Qual, einem Aufschrei, einem endlosen Bangen, der Hoffnung wie der Hoffnungslosigkeit. Chor wie Orchester übernehmen alle Aufgaben zugleich: die der Protagonisten, die des erzählenden – klassischen Chors – und die Betroffenheit des Publikums. Die verschiedenen Formen von Lebensangst variieren durch die instrumentale Individualität: Klavier als treibende, aufbauende, hoffende Kraft; verschieden rhythmisierte Stimmen bis zum Sprechchor-Kanon über tonlosem Cello-Fundament; wie das Cello der eigentliche Widerhall aller angstvollen Zustände erscheint.

Der 2. Akt widmet sich der 1798 entstandenen Ode “An die Parzen”   Friedrich Hölderlins, dem in vielen Inszenierungen neuerdings wieder auflebenden Romantiker, der im klassischen Griechenland das Arkadien suchte und stattdessen eine gewalttätige Götterwelt fand, die dem Lebenden keine Seelenruhe beschert und ihm auch keine selig machende Ewigkeit gewährt. Noch ein Herbst, so wünscht sich der Dichter, möchte er seinem sehnsuchtskranken Herzen gönnen, dann ist er bereit, in das Schattenreich einzugehen – auch, wenn ihn kein Saitenspiel hinab begleitet…Der  a-capella-Satz für sechs Frauenstimmen, dessen musikalische Faktur an Madrigale erinnert, entfaltet eine große szenische Intensität: als die Sängerinnen Tücher wie Schicksalsfäden der Geburtsgöttinnen aneinanderknüpfen und dies ein die gleichsam wie das Seil der beiden Bergsteiger in die Höhe gezogen und gekappt werden…

Die Szene wechselt nur unmerklich; der Chor formiert sich neu, bleibt in der fließenden Bewegung, zuweilen von einem hellen Licht, das vom offenen Bühnen-Himmel hereinzuströmen scheint, beschienen. Die Regisseurin rüttelt im 3. und 4. Akt Ängste auf, die die Menschen aus den Folterkammern der Gegenwart mitnahmen: Qualen, die sie erleiden mussten in den Kriegs- und Gefangenenlagern (als Schauspiel zur Zeit in der Vagantenbühne: Der Tod und das Mädchen) Es sind langgezogene Trauergesänge, klagende Choräle, weniger schrill und atonal, als vielmehr schneidend, scharf und schmerzvoll, mehr eindringlicher Appell an unsere Verantwortung als an unser Mitgefühl, das den Betroffenen nur wenig nützt! Deren traumatische Erinnerungen werden auch uns, die wir in diesem dichten Netz des Mitwissens und Mitfühlens gefangen sind, vielleicht niemals mehr loslassen.

Mit dem letzten und 5. Akt – das durchsichtige Gazegefängnis hat sich inzwischen gehoben – schließt sich der Kreis: der “Retter” des verunglückten Bergsteigers steht vor der schlimmsten Entscheidung seines Lebens: das Lebens-Seil des anderen zu durchschneiden… Die nervliche Qual und Gewissensnot wird in Satzfetzen und einer aufgewühlten orchestralen Dynamik angerissen – so vielleicht, wie ein Hirn arbeitet, das angesichts des Todes keine Zeit mehr hat, in langen Sequenzen zu denken.

In diesen personifizierten Ängsten verbinden die Altistinnen Judith Simonis und Kristiina Mäkmattila im Solo-Part die Bilder der von den Parzen gesponnenen Schicksalsfäden; Judith Engel, Barbara Kind, Sophie Klußmann, Christine von Lichtenberg tauchen in die Tiefe der Ängste und holen sie aus dem Unterbewußten (in der 2., 4. und 5. Pforte) zurück ins schmerzhaft-heilsame Bewußtsein. Der Bariton Sören von Billerbeck begleitet mit gleicher Einfühlsamkeit die erste Pforte “Fallen”. A.C.

 

 

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