Hedda Gabler, B

  von Henrik Ibsen

Schaubühne am Lehniner Platz (2005) Berlin

  Regie: Thomas Ostermeier; Bühne: Jan Pappelbaum; Kostüme: Nina Wetzel; Musik: Malte Beckenbach; Dramaturgie: Marius von Mayenburg; Licht: Erich Schneider; Video (überflüssig): Sebastien Dupouey
Mit: Lars Eidinger, als Jörgen Tesman, Privatdozent der Kulturgeschichte;
Katharina Schüttler als Hedda Tesman, geb. Gabler als seine frau; Lore Setanek als seine überfürsorgliche, betuliche Tante; Annedore Bauer als farblose, aber edelmütige Thea Elvstedt; Jörg Hartmann als Richter  Brack mit schauspierlischem Flair; Kay Bartholomäus Schulze überzeugend als genialer Wissenschaftler Eilert Lövberg, der das Opfer einer verwöhnten, gewissenlosen Göre wird.

 Lauter leere Herzen

Man stellt sich die Hedda Gabler so vor: Eine junge, sehr schöne Frau nordischen Typs, schlank, mit blondem langen seidigen Haar, einem kühlen Blick und großem Selbstbewußtsein. Eine Generalstochter eben, verwöhnt und gesellschaftlich angesehen, umschwärmt von den jungen und älteren Herren, wenig gebildet, mit enger Vaterbindung. Eine kühle Blonde aus dem hohen Norden. Sie heiratet – nachdem sie ihrer großen Liebe, dem hoffnungslos verlotterten, aber genialen Wissenschaftler Eilert Lövberg den Laufpass gegeben hat – aus gesellschaftlichem Kalkül einen nicht mehr ganz so jungen Wissenschaftler, Jörgen Tesman. Edda und ihr Mann hoffen beide baldigst auf den Professorentitel, Hedda, um ihr Luxusleben fortsetzen zu können, Tesmans als lang ersehnte Krönung seiner Laufbahn. Diesen Mann stellt man sich so vor: Korrekt, penibel, ehrbar, mit der Wissenschaft deutlich intensiver verheiratet als mit Hedda, die er sich – wie in Ibsens Dramen üblich – zu seiner eigenen Überraschung als hübsches Aushängeschild jäh erobert hat. In Sachen Eigensucht geben sich also beide nichts. Tesman, eher spröde und wenig gefühlvoll  – allenfalls der mütterlich wirkenden Tante gegenüber recht fürsorglich – mangelt es deutlich an pädagogischen Fähigkeiten oder gar psychologischem Feingefühl. Den Lövborg stellt man sich als seinen Gegenpart so vor: ein irgendwie genialer, lässig daherkommender Künstler-Typ, souverän und erfindungsreich, überzeugend für sich einnehmend, wenn er nüchtern ist, jedoch leider haltlos und unberechenbar wie jeder Alkoholiker.

 

Nachdem Hedda ihn verlassen hat, hat er in der hingebungsvollen und aufopferungsbereiten Thea Elvstedt eine neue Freundin und Mitarbeiterin an seinem neuen Werk gefunden, das eine überwältigende Zukunftsperspektive für die Menschheit ausmalt. Sein Buch, das gerade erschienen ist, macht Furore und stellt Tesmans Arbeit und damit auch seine Berufung in Frage. Für einen so eng auf seine Wissenschaft fixierten Mann ist das eine Katastrophe. Und für Hedda eine zweifache: denn der gesellschaftliche Glorienschein droht zu verblassen, der Geliebte ist in den Armen einer anderen, die eigene Welt ist leer und öde, das eigene schöne Spiegelbild nur äußerlicher Schein. 

 

Daraus erwächst eine Katastrophe. Denn die verwöhnte, in sich verkapselte, von Zwängen der Erziehung und Umgebung völlig geprägte Hedda wird nun, anstatt sich eine eigene Welt zu schaffen, die äußere Welt, den Mikrokosmos um sich herumgnadenlos vernichten. Mit somnambuler Zielstrebigkeit und scheinbar ferngesteuerter Sicherheit folgt sie ihren Wahnideen: Lövberg in den Tod zu treiben, sein Werk zu vernichten und ihren Mann und Thea in den Abgrund zu stürzen und schließlich sich selbst ein Ende zu bereiten. In Würde, in Schönheit, heißt es bei Ibsen. Das Gegenbild zum Soldaten: Man stirbt in Pflichterfüllung und mit Würde für sein Vaterland, für eine gute Sache. Nur ist die Sache Heddas leider keine gute – denn sie möchte einmal Macht haben über einen Menschen.  Sagt sie. Und als sie diese Macht verspürt, nutzt sie diese als Waffe zur Vernichtung.

 

Thomas Ostermeier hat den Staub der steifen Jahrhundertwende abgeschüttelt und dafür ein modernes Mäzchen inszeniert. Eine schauerliche Moritat, einen Krimi, eine totale Ich-Gesellschaft, die für den anderen Menschen keinen Blick mehr hat. Bis auf die liebevolle Thea, die Mann und Kinder verlassen hat, um mit Lövberg zu leben und zu arbeiten. An vielen Stellen kommt die Inszenierung hübsch daher und kann auch den Höhepunkt des Stückes zielgerade angehen, aber in manchen Bereichen wird man doch  stutzig. Diese Hedda ist ein unausgegorener, magerer, milchgesichtiger Teenager mit Strubbelkopf. Unzufrieden und gelangweilt stakst sie durch die weitestgehend leere Wohnung; leer ist alles um sie herum und in ihr selbst. Ein halbes Jahr ist sie mit ihrem Mann durch die Welt gereist – als Hochzeitsreise – und sie hat nichts erlebt, “weil er nur in den Archiven saß, um in seinem Thema “das Kunsthandwerk in der Kulturgeschichte” zu graben. Allerdings macht er das ganz flott und aktuell per Laptop und Handy.

Dieser Tesman ist ein moderner Typ, mit nachlässig-jugendlichem outfit,
banaler Alltagssprache; eigentlich richtig nett, wenn auch leider mit wenig Sinn für die gelangweilte Hedda und ihre Sorgen.  Warum, so fragt man sich bei dieser Neuzeit-Adaption, kann sich diese Hedda denn nicht auch irgendwie beschäftigen, sich für Kultur, Musik , Bücher, Malerei oder Mathematik interessieren, Freunde finden und ihr neues schönes Haus genießen? Was hat sie denn, zum Teufel, die ganze Zeit über gemacht?
Dieses kleine Mädchen hat nicht bei großen Parties Handküsse und Komplimente ihrer Verehrer entgegengenommen, sondern sich in ihrer Phantasie wahrscheinlich ihren stereotypen Märchenprinzen erträumt, der sich so ganz anders als der heruntergekommene Lövberg ausmachte. So hat sie denn aus Enttäuschung, als die Beziehung kompliziert wurde, ihrer großen Liebe den Laufpass gegeben und sich an einen ungeliebten Mann gebunden. Auch das ist heutzutage eher selten.

 

Und während die Wassertropfen an den vielen Glasscheiben des schicken Bungalows heruntertropfen, mopst sich Hedda auf der hellgrünen Sitzlandschaft bei Tag und bei Nacht, umstreift mal hin und wieder die Wände, um mit ihren Pistolen die schönen Blumenvasen zu zerdeppern, die mit ihrem Totenweiß zum Totenschwarz der spiegelblanken Fliesen kontrastieren… Ihr Mann wuselt herum, wird von ihr nur mit den Nachnamen angeredet ( was sowohl Verachtung oder zumindest Desinteresse an seiner Person zeigt, aber auch ansonsten aus dem altmodischen Inventar von Ibsen stammt)  und tritt vollends in den Hintergrund als sein Freund, der Richter Brack, als smarter moderner Macho auf der Bildfläche erscheint. Als er von Heddas gefühlloser Ehe erfährt, bietet er sich als intimer Freund im Dreier-Bunde an, was auch Hedda sich gut vorstellen kann. Doch dieses mögliche, immerhin relativ unkomplizierte Arrangement wird zerstört, bevor es seinen Anfang nehmen kann, als der nunmehr geheilte und recht souveräne Lövborg auf der Bildfläche erscheint. Alle Leute kommen durch den Garten über Terrasse, keiner kennt die Haustür. So treffen sich alle tropfnass  immer wieder familiär im kargen Wohnzimmer: Die Männer zeigen einander mit echtem Stolz und echter Anerkennung ihre Bücher und Laptop-gespeicherten Manuskripte, während Hedda im Geheimen mit ihren wieder aufflammenden Gefühlen ringt und ihren Racheplan schmiedet. Mit kindlich-hellem Stimmchen und scheinbar ganz kühl und naiv, zwingt sie den inzwischen erfolgreich abstinenten Lövborg, von dem Champagner zu trinken, den sie ihm anbietet. Als dieser zum Glas greift, um nicht “als Feigling” dazustehen (wie vielen Menschen mag es immer wieder so gehen?), stürzt er in den Abgrund- und die Tragödie nimmt ihren Lauf.

 

Nun wird es auch endlich spannend auf der bis dahin ziemlich öden Bungalowdrehbühne. Die Männer verabschieden sich zum Männerabend, an dessen Rituell sich allerdings auch bis heute nichts geändert hat, und die Frauen warten auf deren Rückkehr, langweilen sich mal wieder, denn Fernsehen, Bücher oder Gesprächsthemen scheint es hier nicht zu geben. Und als sich am frühen Morgen das Chaos zusammenbraut, begibt sich diese Hedda, noch immer kühl und cool wie eine von der ersten Liebschaft enttäuschte Primanerin, daran, ihren weiteren Racheplan zu vollziehen. Sie zerstört den Laptop, den Lövberg betrunken im Taxi vergessen hat und den Tesman nun mit nach Hause bringt. Damit vernichtet sie die neue, noch unveröffentlichte Arbeit von Lövberg . Und als dieser ziemlich randaliert kurz darauf selbst als Phantom vor der regenfeuchten Terrassentür erscheint, gibt sie diesem statt seiner Arbeit eine Pistole in die Hand und “gesteht” später ihrem Ehemann, letztlich habe sie das Manuskript nur ihm zuliebe, um seiner Karriere willen vernichtet. Na, ja, wer das nicht glaubt, ist einzig und allein Richter Brack, der Heddas Angebot nicht vergessen hat und der nun, da er blitzscharf nach Lövbergs Tod von der bei diesem entdeckten Waffe auf Heddas Mitwirkung schließen kann, das Mädchen voll in der Hand hat. 

 

Und während Thea mit den alten Manuskriptaufzeichnungen (trotz aller Trauer um Lövbergs Tod) einigermaßen gefasst herbeigeeilt ist, um mit Tesmann das kostbare Gut erneut zusammenzusetzen, geht Hedda hinaus und erschießt sich.  Als der Schuss ertönt, witzeln die Drei im Wohnzimmer bei ihrem Wissenschaftspuzzle: “Sie wird sich doch wohl nicht erschossen haben“? Ein grausliches Ende, eine schreckliche Geschichte um lauter leere Herzen. Und der künstlerische Wert bleibt offen. A.C.

 

 

 

 

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