“Nichts. Was im Leben wichtig ist”, HB

von Janne Teller

Moks im Theater am Goetheplatz
Auftakt zum nordetuschen Kinder- und Jugendfestival “Hart am Wind” 2014

Regie: Alexander Riemenschneider; Bühne: David Hohmann; Kostüme: Katharina Kownatzki; Musik: Tobias Vethake; Dramaturgie: Sabrina Bohle
mit: Anna-Lena Doll, Lisa Barie Fix, Justus Ritter, Walter Schmuck, Leon Ullrich

Was ist der Sinn unseres Lebens?

Für die 12jäherigen Mädchen und Jungen einer 7.Klasse verlief das Leben bisher in normal üblichen Bahnen einer Kleinstadt in Dänemark. Doch nach den Sommerferien setzt sich einer der Schüler, Pierre-Anthon, jäh ab und verschanzt sich in einem Pflaumenbaum, von dem herab er den Mitschülern tagtäglich seine nihilistische Philosophie an den Kopf wirft: “Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich auch nicht, irgendetwas zu tun.” Mit diesem Widerspruch ihres täglichen Daseins konfrontiert, geraten die Schüler in einen Strudel verwirrender Gedanken und Gefühle, denen sie zunächst mit einem Beweis gegen die Nichts-hat einen Sinn-These entgegentreten. Sie beschließen, dass jeder von ihnen etwas “opfert”, das ihm lieb und wichtig ist, das ihm etwas bedeutet. Und es gibt eine fatale Spielregel: jeder, der etwas von sich hergegeben hat, darf bestimmen, wer der nächste ist und was er  opfern muss. Der Kampf gegen einen pervertierten Nihilismus, gegen gefährliche Einflüsterung (Indoktrination!) und vernichtenden Einfluss hat begonnen.

Und so kommt zunächst ein eher harmloses, allerdings schon unerbittliches, schmerzhaftes Spiel zustande, mit dem die Klasse 7 ihrem Kameraden Pierre Anton beweisen will, dass es für sie doch etwas von Bedeutung gibt.  Riemenschneider, der das Stück für die Bühne bearbeitet hat und auch Regie führt, verzichtet bis auf eine Videotafel, auf der das Fotovergnügen widergegeben wird, mit dem die Kinder das fortschreitende Spiel festhalten, auf Dekoration. Ansonsten wird sich mit intensiver narrtiver Darstellung begnügt. Die fünf Schauspieler entwickeln das Geschehen in wechselnden Rollen, mal höchst dramatisch, untermalt von schmerzvoller Musik, dann wieder rein erzählerisch, wobei der beinahe harmlose, einfach-kunstvolle Erzählduktus der Autorin subtil unter die Haut geht. Es bedarf keiner Kraftausdrücke, keiner Übertreibungen. Was unsagbar ist, bleibt auch ungesagt. Wozu gibt es schließlich die kreischenden, schlagenden Töne, die das sich anbahnende grausam auf die Spitze zutreibenden Spiel mit aller Deutlichkeit verkünden. Dann und wann wälzen sich die intensiv in ihren Rollen aufgehenden jungen Schauspieler auch am Boden, bäumen sich kämpferisch, aber vergeblich, gegen den Verlust ihres Besitzes auf oder tanzen und tollen wie typischeTeenies fröhlich und ausgelassen im winterlichen Schneetreiben über die Bühne, als die Welt auf sie aufmerksam wird, und ein Goldregen über das kleine Städtchen herniederregnet, Ruhm und falsche Ehre sie betäubt und glückselig trunken machen.

Die letzte entsetzliche Tat aber, die sich konsequenterweise vollziehen muß, wird aus dem Rückblick der nun 15 Jahr älteren Elise erzählt. Alles, was für die Kinder damals Bedeutung hatte, ist nicht mehr, aber es sind nicht nur die Sachen, die mit dem Opferberg vernichtet wurden, sondern es sind die jungen, noch ungeformten, wehrlosen Persönlichkeiten, die zerbrochen sind.
Dieser kleine Roman, der vor zehn Jahren als Schullektüre in Dänemark ( (und auch in anderen europäischen Ländern!) verboten wurde, ist eine ungemein vielseitig zu interpretierende Parabel. Damals allerdings wurde der negierende Existenzialismus eines Pierre-Anthon von Lehrern, Bibliothekaren und vielen anderen als ungemein schädlich für Kinder und Jugendliche eingestuft. Jetzt ist die Novelle zum niemals endenden Diskussionsmaterial über den Sinn des Lebens, über Werte und Wunden geworden – für alle Generationen.  A.C.

 

 

 

 

 

 

 

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