Deca-Deci/L’Arlésienne, OL

Uraufführungen von Antoine Jully
BallettCompagnie Oldenburg

Oldenburgisches Staatstheater, 2014

Deca-Deci, 5. Symphonie von Andrei Eschpai (Deutsche Erstaufführung); L’Arlésienne Suiten 1&2 von Georges Bizet
Musikalische Leitung: Vito Christofar mit dem Oldenburgischen Staatsorchester; Es tanzen: Jossia Clement, Eleonora Fabrizi, Marjorie Lenain, Nicol Imezzolli, Marié Shimada, Timothée Cuny, Floriado Komino, Lester René Donzález Álvarez, Herick Moreira und Marco Russo Volpe.

Rhythmische Orgien und zärtliche Begegnungen

“In jedem von uns steckt eine großartige Komposition, die wir nur nicht schreiben können …
Der Komponist muss sich immer und immerwieder auf die endlose Suche danach begeben und die Musik finden, die bereits in uns existiert”- so sagt der russische Komponist Andrei Eschpai, geb. 1925, der aus seiner Liebe zu den Komponisten des 20.Jahrhunderts und gleichermaßen zum Jazz,  den großen Orchesterwerken als auch der Populärmusik keinen Hehl macht. Er schuf gleichermaßen anspruchsvolle und unterhaltsame Werke und wurde 1986 mit dem Lenin Preis ausgezeichnet, ungeachtet seiner Beharrlichkeit, der Partei fern zu bleiben. In seiner jetzt erstmals in Deutschland aufgeführten Ballett-Symphonie von 1987 verbindet er, musikalisch auf verschiedene Genres übergreifend, alle existenziellen Zeitabläufe. Die Zahl Zehn (Deca) umfaßt nicht nur haargenau auch zehn Tänzer – aus 600 internationalen Bewerbern ausgewählte neue Talente im Oldenburger Ballett-Ensemble – sondern weist vor allem auf die Symbolik der Zahl, die Anfang und Ende umfaßt und die Vielfalt alles Lebendigen wie in einer kostbaren Hülle bewahrt, die sich hier nun tänzerisch offenbart.

Es ist ein temporeiches, faszinierendes Ballettangebot, das neue und klassische Ausdrucksformen in vielseitig variablen, künstlerisch höchst anspruchsvollen Bewegungsabläufen vereint. Es geht darum, Begegnung  und Trennnung, Nähe und Ferne, Liebe und Abkehr, Gewinn und Verlust, Zusammensein und Einsamkeit, insgesamt alle möglichen Polaritäten unseres Daseins wie Gegensätze und Ähnlichkeiten, Ursprung und Fortschritt, Wildheit und Zivilisation, Rituale und Kultur als sich permanent wandelnde Entwicklungsphasen transparent werden zu lassen.
Auf dem schwarzen Bühnenboden (der laut den Worten des Ballettdirektors dringend eines neuen Schwingbodens bedarf!) weist ein zartes Flötensolo sehnsüchtig auf Ursprüngliches, das von der Violine aufgegriffen, nun mit zärtlichen Tönen den Prozess des Bewußtseins der Menschwerdung begleitet und im fortschreitenden Erwachen sich zu fester, geschlossener, aber immer den Tänzern den Vorrang lassender orchestraler Anleitung verdichtet. Das Allegro steigert sich gar zu militärischem Sound, läßt distanziert alle Möglichkeiten der Betrachtungsweise offen (was bei diesem Komponisten natürlich naheliegt), polarisiert Elementares mit aufmüpfigem Spott. Trompetenfanfaren künden vom zweifelhaften Sieg, rhythmische orgastische  Szenen erinnern an mythologische Unterwerfungsriten.

Kandelaber tauchen die Choreographie des Zu-Einander-Findens der fünf Paare im Dunkel der Bühne in ein warmes, aus der Weite kommendes wundersames Licht , geheimnisvoll und lebendig; in vielerlei Variationen kreisen die Tänzer und Tänzerinnen paarweise oder einzeln in neuen, phantasievollen choreograophischen Aufteilungen umeinander, verbinden und lösen sich, und –  das scheint das absolute Novum im Selbstverständnis dieser neuen Ballettära zu sein – bewahren sich ihre Indiviualität so wie sich auch und in wechselnden klassichen Tanzformen und artistischen Kombinationen in variablen Paar- und Gruppenformationen zusammenfinden. Immer aber achtet der Tänzer  und Choreograph Jolly (in beidee Balletten)  auf feinsinnige Ästhetik, auf schmeichelnde Lichteffekte, Eleganz und Hingabe.

Tanz ist ja immer auch ein Angebot an unsere Vorstellungskraft, aus einer Verbindung von Musik und Bewegung eine Geschichte herauszufiltern, wie er auch stets von Neuem die Choreographen und Tänzer vor die Aufgabe stellt, Inspiration und schöpferische Energie aus der musikalischen Vorgabe auf Körper und Psyche zu übertragen. Das ist in dieser Komination beim zweiten Teil des Abends mit der Umsetzung von Bizets L’Arlesienne weitaus schwieriger als in der frei zu assozierenden symphonischen Vorgabe des Russen. Die Bilder folgen hier langsamer aufeinander, die Abfolge der von Alphonse Daudet verfassten Erzählung aus dem Jahr 1869, die 1972 erfolglos als Theaterfassung aufgeführt wurde,  ist ohne deren vorherige Kenntnis nicht zu entschlüsseln. Die Ballettversion scheint eine eigene Fassung zu enthalten, in der Mädchen und Jungen wie Küken aus dem Ei ihrer Entwicklung schlüpfen möchten, schwingende und schwebende Tanzformationen uns mit der Leichtigkeit des Seins bezaubern wollen, aparte Kostüme an das Design eines Courège der 60er Jahre erinnern, doch den Zuschauer – abseits des Hochzeitsfestes – mit der nicht bewältigten Liebesenttäuschung des jungen Frédéri und  seinem bitteren Freitod allein läßt.

Die Eltern trauern um ihren Sohn, dessen Geschichte von seiner unerwiderten Liebe zu einem (leichten?) Mädchen aus Arles handelt. Als sie das Heiratsangebot der Eltern Frédéris ablehnt und Frédéri ihre Briefe liest, wird er schwermütig; Dass er der hübschen Vivienne die Ehe verspricht, ist wohl eher eine Flucht aus der nicht zu verwindenden Liebe zu der Dame aus Arles. Die Hochzeit mit Vivienne wird zum Trauma.

Für ein Handlungsballett ist die szenische und bühnenbildnerische Ausformung der Geschichte nicht aussagekräftig genug. Für eine übergeordnete Darstellung von Liebe, Leid und Tod, einer Thematik   ähnlich der “Kameliendame”, wiederum mangelt es an dramatischer Brisanz. Es ist, wie auch in französischen Filmen, eine elegische Erzählweise, die eine schwermütige Stimmung hervorruft. Nach der intensiven Darbietung von “Deca” bleibt diese Ballettversion trotz der emotional ausgefeilten tänzerischen Darstellung und einer ausblancierten Instrumentalführung etwas blass. A.C.

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