Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel, B

von Theresia Walser
Renaissance Theater Berlin, 2014;
Regie: Tina Engel, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüme: Jorge Jara; Dramaturgie: Gundula Reinig; Video: Jim Rakete
mit: Boris Aljinovic (Gottfried), Imogen Kogge (Frau Imelda), Corinna Kirchhoff (Frau Margot), Judith Rosmair (Frau Leila)

 Die Asche ihres Mannes

Das ist das Geheimnis eines perfekten Zusammenspiels: eine Autorin, ein Regisseur, vier Schauspieler – die einen einfach wirkenden Text in ein temporeiches, witziges kleines Kammerspiel umsetzen, das politische, gesellschafltiche und natürlich individuelle Brisanz hat. Drei Damen, deren Männer die Geschichte als Massen-Mörder entlarvt und gebrandmarkt hat, steht ein Dolmetscher zur Seite, der nach anfänglicher Überlegenheit mehr und mehr in die Rolle eines bedauernswerten Opfers abgleiten muß angesichts der verflixten Aufgabe, hinter den Worthülsen der Diktatorengattinnen das Ungeheuerliche ihrer Mit-Schuld zu entlarven. Gottfried ist als Vermittler eingeschaltet, um diese im Vorfeld iher Präsentation aufeinander einzustimmen und auf das folgende Blitzgewitter der internatiolen Presse vorzubereiten, die sie zur Verfilmung ihres Lebens interviewen wird. Doch was sich jetzt abspielt, hätte sogar einen gestandenen Psychiater vom kleinen Hocker geworfen, der dem Dolmetscher als einzige Sitzgelegenheit zusteht: Er muß zwischen den Stühlen agieren, und das inmitten einer Schlangengrube…

Imelda Marcos, ebenso schön, intelligent und gebildet wie grausam und menschenfeindlich, betrauert lediglich, dass ihr Leben als Film zu banal erscheinen würde, und nur eine Oper angemessen ihre Vita darstellen könnte. Imogen Kogge präsentiert sich mit dem raumergreifenden Habitus einer unangefochteten Herrscherin, die sich (wie auch Evita Perion!) den Ärmsten ihres Landes darstellte wie eine Göttin, und die ihre Selbstdarstellung noch immer exzessiv betreibt, und die Hohn und Witz über eine zwanghaft starre Margot Honnecker und die dümmliche arabische Schönheit Leila Ben Ali ausbreitet. Natürlich thront sie ausladend und mit verführerischer Sympathie in der Mitte, nur widerwillig flankiert von Frau Margot, die keinen Zweifel an der Zukunft eines glücklichen DDR-Staates, an der Unwiderstehlichkeit Stalins, an der Korrektheit ihres Tuns und an der späten Anerkennung ihres Mannes zuläßt, dessen Asche sie in einer großen Handtasche bei sich führt. Corinna Kirchhoff zeigt eine in sich geschlossene Persönlichkeit, die sich herb und unbeirrbar an einer Idee festklammert, die ihre Geschichte ist, ihr Leben rechtfertigt, in dem sie nur das Beste wollte für ein Volk, das aber ständig in sein Verderben zu laufen sich aussuchte! Sie ist gewohnt, Leute abzukanzeln, sie mit harter Hand und scharfer Zunge vor die Tür zu setzen; wir wissen genug darüber. Aber sie ist keine Frau aus Fleisch und Blut, sie ist eine Idee – sie sagt es von sich selbst, und der Dolmetscher wiederholt ihre Worte. Das genügt und setzt sie damit ab von den beiden anderen Frauen, die sich als schmarotzende Mitläuferinnen ihrer despotischen Ehemänner eitel im Glanz des Geldes, in der Macht ihrer Hofhaltung und im flachen Jubel der geknechteten Massen sonnten.

Frau Margot ist eine Ausnahme, von Frau Kirchhoff in tiefer, rauher Tonlage gespiegelt. Wie Frau Imelda der “Schönheit” und ihrer Sammelleidenschaft für Schuhe frönte (3000! eigenes Museum?), so war Frau Margot Tochter eines Schumachers. Ihre Karriere erfolgte an der Parteihochschule, und ihren Erich hatte sie so gut im Griff, so das sie bald zur Stellvertretenden Ministerin für Volksbildung mit uneingeschränkter Macht aufstieg. Ihr fotografisches jugendliches Konterfei wirkt eher sanft, hübsch, verständnisvoll;  aber Corinna Kirchhoff hat Margots Seele von innen nach außen gekrempelt, und die ist eisenhart und unerbittlich auf das Ziel einer neuen Gesellschaft gerichtet – koste es, was es wolle.

Die Dritte der Hyänen ist die zierliche Judith Rosmar – und was macht sie aus ihrem eigentlich   spärlichen, verwirrenden und belanglosen Text! Sie entblößt die Unbedarftheit der tunesischen Mode- und Partypuppe Leila mit lasziver Naivität (das Apfelzitat kommt von ihr!), setzt geziert auf Erotik, auf Verführung, aber gleichwohl versprüht sie bösartige Spitz-Findigkeiten, die die Gefährlichkeit einer verwöhnten, gedankenlosen Frau assoziieren lassen, die nicht einmal begreifen will, warum ihr “armer Mann, ein  Augenarzt!” nun vor dem internationalen Gerichtshof steht – während die Ehemänner der beiden anderen Frauen schon vor 23 Jahren (Marcos, eingefroren!) und Erich (1994, eingeäschert!) starben und ihren Witwen -rechtzeitig in Sicherheit gebracht – genügend Mittel für ein sorgenfreies Leben hinterließen.

Das alles und vielmehr weiß natürlich dieser Dolmetscher, dessen Gewissen für alle drei Furien leidet und der  ihre dummen, hinterhältigen Sprach- und  Verwirrspielchen zu entlarven versucht: Übersetzt er zunächst noch wortgetreu, was schon komisch und entwaffnend an sich ist, so verläßt er schnell die Ebene der getreuen Wiedergabe und kommentiert oder persifliert mit einer entwaffnenden Wirkung. Da  Imelda und Leila natürlich nicht verstehen, was Frau Margot nur allzugut begreift, entfaltet sich zwischen diesen Beiden ein Konflikt, der Gottfrieds Kindheit und Jugend in Jena aus der Vergangenheit aufbrechen läßt (Frau Margot: Es gibt eben Zeiten, da muß man auf eine Kindheit verzichten!). Doch zunächst befördern ihn alle drei Damen in rabenschwarzer Seelenverwandtschaft ins Abseits, wo er mit sich zu Rate geht und beschließt, die Rolle aller Opfer von Gewalt auszuspielen und winselnd, zertreten, gebrochen die Metapher des abgeschlachteten Fisches vorspielt. Erbarmungswürdig, herzzerreißend für alle, die ein Herz haben. Aber diese Frauen haben kein Herz. Und noch einmal setzt Gottfried auf mögliche Wahrnehmung einer eigenen Schuld der Ignoratinnen an, die “erst ein Attentäter zu Heldinnen macht” (Imelda) und der bestellte Jubel des Volkes in ihrer Einzigkartigkeit bestärkt (Leila und Imelda) – als er ihnen körperlich vorführt, was es heißt, ein geknechteter, entrechteter Mensch zu sein, der nur die Spielfigur einer Idee ist. Aber dieser Gottfried, den Boris Aljinovic in den schillernden Facetten eines Dolmetschers zeigt, der einerseits über Wahrheit und Wirklichkeit entscheiden muß, um Schlimmeres zu verhindern, der aber auch vergiftete Pfeile in die Köpfe bohren und damit selbst Macht über Menschen erhalten kann, ist auch nur ein Mensch, ein Opfer, ein Vasall der Herrschenden. So wie Stalin einst seine Dolmetscher hinrichten ließ, um die einzigen Zeugen eines Gesprächs zu beseitigen, so tanzt auch Gottffried auf einem Vulkan. Zunächst noch als einfallsreicher Vermittler zwischen drei zickigen Frauen bis er selbst in den Abgrund ihrer Bösartigkeiten fällt. Als er sich wieder erhebt, weiß er, was er zu tun hat: er wird die Asche ihres Mannes verstreuen und damit Frau Margot besiegen und mit ihr eine Staatsidee, die alle Humanität beschlagnahmt hatte.A.C.

Eine Inszenierung, deren Schausspieler dieses Stück zum neuen Hit der geistreichen Unterhaltung machen. Unbedingt sehenswert!

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