Im weissen Rössl, HB

Singspiel von Ralph Benatzky
Text von Hans Müller und Erik Charell, Gesangstexte von Robert Gilbert
Uraufführung am 8.11.1930 im Großen Schauspielhaus Berlin

Theater am Goetheplatz, 2015
Regie: Sebastian Kreyer, Musikalische Leitung der Bremer Philharmoniker und des Bremer Theaterchors: Daniel Mayr, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Maria Roers, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg und Katinka Deecke, Licht: Joachim Grindel
mit: Désirée Nick (Josepha, Rössl Wirtin); Johannes Kühn (Leopold, Oberkellner), Lisa Guth (Piccolo, Laufbursche), Bendix Dethleffsen (Wolfgang, Entertainer); als Gäste: Wilhelm Giesecke, Trikotagen-Fabrikanten: Gabriele Möller-Lukasz; Otto, sein Sohn: Peter Fasching; Dr. Otto Siedler, Rechtsanwalt: Matthieu Svetchine; Sigismund Sülzheimer, Trikotagen-Fabrikant: Siegfried G. Maschek; Prof.Dr. Hinzelmann, Privatdozent: Johannes Scheffler, Karlchen, sein Sohn: Justus Ritter sowie als Kaiserin Sisi: Matthieu Svetchine

Die Renaissance der Operette

Diese Operette ist ein Heidenspaß, ein realistisch – absurd verdrehtes Spektakulum voller hinreißender Evergreens, atemberaubender Spielleidenschaft und dem alten, frisch aufpoliertem Operettencharme einer längst vergangen geglaubten Zeit. Irrtum. Sie ist so frisch und frech und fröhlich wie einst in den “wilden Zwanzigern”, wenn sie adäquat inszeniert und gespielt und gesungen wird. Und aller noch immer existierenden Prüderie zum Trotz: sie ist genau so frivol, wie sie sein sollte, sie ist gespickt mit skurrilen Überzeichnungen, sie karikiert, persifliert und steckt voller Anspielungen auf stets aktuelle menschliche Gefühle und gesellschaftliche Verhaltensweisen, und sie serviert mit Tempo ein schillerndes Potpurri der Verwicklungen und Verwirrungen – augenzwinkernd und mit entlarvendem Witz.
Schon die Overtüre hat alles, was kommen wird, voll im Griff: swingend, jazzend, allen Schmalz jedweder Walzerseligkeit hinwegschmelzend, wirbelt sie unbekümmert Stil und Rhythmus variierend, begleitet inniges Herzeleid, freche Gags und allerlei Anspielungen auf Verhältnisse im Allgemeinen und die Berlins im Besonderen, denn natürlich steckt in ihr noch immer der alte Berliner Witz, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es gilt, angriffslustig und schlagfertig seine Bonmots zu verteilen.
Mit der Knallcharge, frühere Generationen würde sagen “Wuchtbrumme” (aber das kommt ja auf dasselbe raus), also mit der Supernova Désirée Nick, die mit vollem Körper-, Sprach- und Stimmeinsatz vom grellsten Kreischen bis zum bassdumpfen Orgelbrausen wie ein Orkan über ihre Angestellten und Gäste hinwegfegt, steht eine einmalige Entertainerin und Schauspielerin im Mittelpunkt. Als attraktive verwitwete Rössl-Wirtin, die ihre Reize mit allen Finessen ausspielt, die einer Frau zur Verfügung stehen, vermeidet sie allerdings mit kaltherzigem Kalkül jedes Mitgefühlt für ihren erbarmungswürdig hoffnungslos in sie verliebten Oberkellner Leopold, während sie den Berliner Rechtsanwalt Giesecke als vermeintlich bessere Partie umbuhlt und umgarnt. Dass das Publikum natürlich den trotz seiner notorischen Geldknappheit, doch mit hinreißender Stimme ausgezeichneten Leopold vorzieht, liegt an der tollen Ausstrahlung von Johannes Kühn, der nicht nur mit bewundernswerter Akrobatik die Bühne durchstolpert, sondern auch seinen herrlichen Liebesliedern zugleich Innigkeit und Abstand verleiht.

Also, diese Inszenierung ist ein Treffer, den allerdings nicht so recht würdigen kann, wer von der Operette anderes erwartet als was sie traditionell zu bieten hat. Wollte sie sich treubleiben – in einer Zeit geboren (übrigens in Paris) als Scheinheiligkeit und Prüderie, Pedanterie und geistige wie seelische Abstinenz noch vom viktorianischen wie preußisch strengen Zeitgeist geprägt waren und die Künstler als Ventil die Bühne nutzten, um ihre Ketten zu sprengen und ein überbordendes Lebens- und Lustgefühl auszuspielen (bis die Nazis dem wieder ein Ende setzte und die Operette von aller Frivolität und frechem Charme “befreiten”, um sie in einen zuckersüße Schmelztiegel zu tauchen) – so musste sie sich neu erfinden. Das heißt, Altes mit Neuem zu verquicken, Bonmots und Gags unserer Zeit anzupassen, die der alten so seltsam ähnlich ist…
Da fallen die schrillen Touristen am schönen Wolfgangsee über Tisch und Stühle des “Rössl” her wie ein Schwarm Hornissen, meckern und kritisieren und verlassen fluchtartig das Lokal, weil es den hektischen Großstädtern nicht schnell genug geht. Und was machen Wirtin und Personal? Sie versuchen auf ihre Art das Geschäft nach der Devise rentabel zu halten: Altes noch verbrauchen, sparsam aus- und einschenken, gut kassieren und dem Grundsatz treu zu bleiben, ein schlechter Wirt und Kellner ist, der sich nicht selbst bedient.
Das alles im deutsch- österreichischen Sprachgemisch, mit Berliner Schnauze verziert und nur, wenn es ernsthaft um Herzensangelegenheiten geht, wird auch schon mal hochdeutsch gesprochen. Da mischt doch der Einzige, der wirklich Österreicher ist, gewaltig dazwischen: Justus Ritter als Sohn Karlchen des schönen Sigismund, erzählt mal eben schnell, wie sich echtes Wienerisch anhört. Nun versteht man gar nix mehr. Soll man auch nicht. Man soll sich einfach nur amüsieren, wenn etwa Peter Fasching als Fabrikantensohn Otto/Ottilie mit seinen immergroßen Kinderaugen, so herrlich lispelt, dass man es hernach selbst versucht. Bei aller Takt für die Betroffenen, es gibt kein Tabu in der Operette, hier darf man sagen und fühlen, was man möchte und wie man’ s sich denkt, es ist beinahe! alles erlaubt. Und so werden Frauen in Männerkleider gesteckt, beinahe alle männlichen Personen als homosexuell entlarvt, doch weil man eben in Bremen zuhause ist, bleibt auch alles Anzügliche im Rahmen, die Trikotagen schön züchtig als Einteiler vorgeführt, vorn oder hinten geknöpft, über dies will man gar nicht weiter nachdenken, sondern lieber prozessieren. Da sich aber alle Beteiligten miteinander verbandeln, ist letztlich der Prozess überflüssig. Der schöne Sigismund stellt auf Slips um (gelispelt) und Herr Giesecke, in dessen Rolle sich Gabriele Möller-Likasz als waschechte Berlinerin nicht die Butter vom Brot nehmen läßt und sogar die unerwartete Liebesbeziehung ihres Sohnes absegnet. Das ist man in Berlin so gewöhnt.
Was sind das alles für herrliche Figuren: transgender ist modern und peppt die kreuzweisen Liebesaffären zwischen den jungen Leuten der Herrenbekleidung kräftig auf. Alles andere wäre langweilig! Also, homo ist weitestgehend angesagt, man verliebt sich von alt nach jung, Wäsche hin oder her, die Gefühle keimen in eben derselben auf. Das alles ist so herrlich verquer. Nur die arme Wirtin sitzt am Ende ziemlich mundtot und traurig auf ihrer leeren Gartenbank und sinnt darüber nach, warum alle gleichgeschlechtlichen Verbindungen so herzig und glücklich sind und die Heteros übrig bleiben, hätte sie doch den armen Leopold nur nicht gefeuert… Wie gut, dass da die Karikatur der von der Nachwelt arg strapzierten Kaiserin Sisi in Gestalt des machtvoll ausstaffierten Matthieu Svetchine vom Himmel hoch herabschwebt und ein gar traurig-besinnliches Lied mit leiser Wehmut mit männlich heiserer Kopfstimme haucht. Das kann Frau Nick hernach gut wiederholen, diesmal in Hochsprache, so dass es alle auch gut verstehen, warum ” ‘s im Leben einmal so ist”
Und man so hat man sie alle wieder und lange Zeit hernach noch im Ohr, die tollen Gassenhauer! Man weiß, warum der Sigismund so schön ist (weil er ein cooles Toupet trägt und überhaupt so herrlich tennisspielerartig über die Bühne daherkommt); man leidet mit dem Wunsch des armen Leopold, der sich danach sehnt, “geliebt zu werden”, und im weißen Rössl vor der strahlenden Postkartenkulisse des Wolfgangsees fühlt sich nicht nur der putzmunter, bunte Chor pudelwohl; auch für andere ist “Die ganze Welt plötzlich himmelblau”, und die Amüsiergesellschaft von einst erkannte bereits , “Dass man im Salzkammergut gut lustig sein kann”. Und manch einer erkannte, wie schwer es zuweilen ist, hinter Liebesleuten zurückzustehen: “Zuschau’n kann i net”.
Und so klatschte das Publikum fröhlich im Takt zu diesem Operettenschatz. A.C.

 

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