Der gute Mensch von Sezuan, HB

von  Berthold Brecht
Musik von Paul Dessau
Theater am Goetheplatz, Bremen, 2016
Regie: Alize Zandwijk, Dramaturgie: Marianne Seidler, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Sabine Snijders, Musik: Beppe Costa, Ausstattung und Inszenierung Schattenspiel: Nadine Geyersbach, Licht: Mark Van Denesse

mit: Nadine Geyersbach und Fania Sorel als Shen Te und Shui Ta, Peter Fasching, Guido Gallmann, Simon Zigah als die drei Götter, Alexander Swoboda als stellungsloser Flieger Yang Sun,, Gabriele Möller-Lukasz als seine Mutter, Martin Baum als Wasserverkäufer Wang, Susanne Schrader als Hausbesitzerin Mi Tzü, Verne Reichhardt als Witwe Shin, sowie alle als Familienclan und in den Rollen als Barbier, Schreiner, Die Alte, Der Polizist, Der Arbeitslose.

Der geteilte Mensch im Doppelpack

Der Clou und das Problem dieser lebendigen Inszenierung ist die Doppelfigur der gutherzigen Prostituierten Shen Te, die von drei Göttern, die sich auf den Weg zur Erde gemacht haben, um  selbstlose Menschen zu finden, großzügig entlohnt wird und nun tagsüber ihr kleines Vermögen an die habgierige Nachbarschaft vergibt, um des Abends als ihr strenger Vetter das ganze Bettelpack wieder in seine Schranken zu verweisen. Die Rolle ist mit Nadine Geyersbach und Fania Sorel ergänzend besetzt, die stets neben- oder hintereinander stehen und gleichzeitig agieren: abwechselnd schlüpfen sie in den Part des guten Mädchens und dann wieder in den des bösen Vetterd, so wie es in ihrem Herzen ja wohl aussehen mag, zerrissen in ihrem Bemühen, ihren Mitmenschen zu helfen und der Notwendigkeit, Härte um des eigenen Überlebens willen zu zeigen – immer wieder mitleidsvoll für die anderen und für sich selbst tapfer um ihr kleines Leben kämpfend. Das ist nicht durchgängig geglückt, weil die zwei Ebenen immer wieder verrutschen, und die eine in ihrer Rolle wirklich erstarkt und ansatzweise eine Lösung für das Armutsschicksal für alle findet (Fania Sorel), die andere sich dem leidvollen Leben längst gebeugt hat und mit weit aufgerissenem Mund einen stummen Schrei (wie in dem berühmten Gemälde von Edvard Munch!), den niemand hört, in die Welt schickt, der ungehört bleibt. Sich krümmend und windend wie ein Wurm wird der Mensch, der sich nicht zu wehren weiß, ein williges Opfer aller bleiben.

Um Shen Te herum gebärden sich die Vertreter des Proletariats skurril und, nach Comedy-Art geschminkt und verkleidet, höhnisch und anspruchsvoll, und die drei Götter mutieren vom strengen Habitus überlegener Menschenschicksalmanager in dickwanstige spielfreudige Popanze, die nicht recht ernst zu nehmen sind. Welch Wunder – wenn die Welt so schlecht bleibt, wie sie ist, und kein Gott helfend eingreift, dann sind die Götter nicht mehr ernstzunehmen. Aber die Menschen helfen sich selbst, und das ist wohl die unerwartet brechtgetreue Aussage der Inszenierung, die mit Martin Baum als gewitzter Kleingauner Wang, der sein kostbares Wasser in einem Gefäß mit doppeltem Boden verkauft bis er von Shen Te lernt, was Güte heißt, amüsant gespielt wird. Die Musik von Beppe Costa ist dem rhythmischen Stakkato von Paul Dessau nur zuweilen noch treu, hilft sich auch schon mal mit romantischem Sound und Kletzmer-Süße bei der unglücklich verlaufenden Hochzeit von Shen Te und ihrem egoistischen, geldgierigen Bräutigam Yang Sun, dem Alexander Swoboda kein Herz zu geben vermag. Leider kann der Vetter nun nicht erscheinen und das arme Mädchen aus seiner Not erretten.

Guido Gallmann erscheint als nicht minder rücksichtloser, wohlhabender Barbier, der glücklicherweise in Shen Te verliebt ist, und so macht ihn die Liebe trotz seiner Überlebensgröße zum einnehmenden Macho und erweist sich für den nun wieder aufgetauchten Vetter als recht nützlich bei der Gründung einer kolchosenartigen kleinen Tabakfabrik, in der nun die Einwohner des Armenviertels zu “nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft” unfunktioniert werden. Das leicht ironisch zu sehende Ideal Brecht’scher Gesinnung erhält noch einmal einen Dämpfer als Shen Tu die Identität ihres Vetters erklären muß, der sich nun – weil nicht mehr erforderlich – aus dem Staub gemacht hat. Die Götter sind es bei Brecht zufrieden, die Regisseurin allerdings nicht, denn sie läßt die Drei noch maskiert als Trump- und Donald Duck auftreten (Gibt es hier eventuell eine Verwechslung mit “Onkel Dagobert”, dem Geldscheffler?), was allerdings kaum mehr als einen Lacher auslöst. Eine ernstzunehmende übertragene Kritik vom absurden Präsidentschaftsskampf in den USA auf die Armut in den Dritten Weltländern kann es doch nicht sein oder? Brechts originale Götter allerdings entfernen sich, auch wenn der Mensch nicht so durchgängig gut ist, wie sie erhofften, aber in der schönen Selbsttäuschung, mit der Kritiker Reich Ranicki gern sein literarisches Quartett teilweise beendete: “Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen…. Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muß ein guter da sein, muss, muss, muss!” Im HImmel steht er nicht parat, so viel ist gewiß – aber vielleicht finden die Menschen ihn ja selbst, wie Shen Te in ihrem kleinen Kosmos.

Vielleicht ein Trost und eine Aufforderung für Klassen, die sich mit dem Stück befassen müssen. A.C.

 

 

 

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