Unterwerfung, OL

nach dem Roman von Michel Houellebecq
Bühnenfassung von Peter Hailer, Jens Ochlast, Daphne Ebner 
Staatstheater Oldenburg, 2016
mit Jens Ochlast als François
Regie: Peter Hailer, Dramaturgie: Daphne Ebner, Bühne. Jan Hendrik Neidert, Kostüm: Britta Leonhardt, Musik: Matthias Mohr, Licht: Ernst Engel

Islam = Pflicht zur “völligen Hingabe”

Es ist einer der letzten Sätze, den der alkohol-und sexsüchtige, ansonsten lebensuntüchtige und antriebsschwache Literaturprofessor François verkündet, und der ist ebenso wahr wie infam, wie das ganze Spiel, dass sich Michel Houellebecq, das enfant terrible der franzöischen 68er, auf seinem mühevollen Weg in eine differenzierte Weltbetrachtung erdacht hat:
“Es ist die Unterwerfung”, der Gedanke, der dem Islam zugrunde liegt. Der grandiose und einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht, wie der Islam sie anstrebt. Denn das Wort “Islam” bedeutet übersetzt “völlige Hingabe”… Der Appell geht noch weiter und wird François zu einem glühenden Anhänger seiner neuen islamischen Regierung machen, in der Erwartung als Hochschullehrer über alle Maßen gut bezahlt, mit einer Villa bedacht und von mehreren Frauen beglückt, die sein tristes Leben nun endlich mit immerwährendem Sex und kulinarischen Genüssen ausfüllen werden.

Wenn das nicht verführerisch ist? Und somit erhält Jens Ochlast nach mehr als zwei Stunden spannungsreich erzählter Romanvermittlung stürmischen Applaus mit “standing Ovations” – und es sind nicht nur die männlichen Besucher, die ihn so frentisch feiern, sondern auch fast alle weiblichen, jung wie alt. Doch zur Beruhigung: beim Verlassen des Theaters hört man doch auch den erleichterten Ausspruch, …”dass so etwas bei uns nicht denkbar sei”.

Und was ist nicht denkbar? Dass eine Wahl so verläuft, wie Houellebecq sie als Horrorszenario für Frankreich im Jahr 2022 voraussieht: dass sich Sozialisten und die Bruderschaft der Islame für eine Regierungsmehrheit und -macht nach einer mehr als dubios verlaufenden Wahl mit bürgerkriegsähnlichen Anzeichen zusammenschließen, in der Wahlurnen verschwinden und plötzlich Überfälle und Morde geschehen, aber in den Medien unerwähnt bleiben? Dass die Appelle der Front Nationale und der Rechtspopulistin Matine le Pen unreflektiert von François auf seinem Fernsehschirm einfach ausgeblendet werden, dass die Versprechungen und Vereinbarungen zwischen den beiden großen Parteien schon lange vor der Wahl ausgehandelt worden sind – und diese nicht nur dem französischen Geheimdienst bekannt waren?

Wie konnte das geschehen? Der Autor weiß warum, was sein Protagonist natürlich nicht sieht und doch zugleich verkörpert: eine tatenlose, schwache, nur auf Eigennutz und Wohlstand fixierte geistige Elite hat vesagt und ihr Land blind in den Zustand getrieben, der ohne geistige Führung, ohne religiöse Überzeugung, ohne Zukunftsperspektiven in einer Orientierungslosigkeit verhaftet geblieben ist, die einem sich nahenden Chaos nurmehr Klagen und Mißmut entgegenzusetzen vermag, ansonsten aber gelähmt und handlungsunfähig ist. Also wie dieser Francois, 40 Jahre alt, ohne Frau und Kinder, mit zwar häufig wechselnden Bettgefährtinnen, sobald studentischer Nachwuchs bereitsteht, blind und gefühllos für tiefere und altruistische Emotionen, intellektuell nur fixiert auf einen einzigen Autoren, den Schweizer Karl Huysmann, der ebenso dekant war wie die Zeit, die er in seinen wenigen, autobiografisch anmutenden Büchern beschreibt.
Eigentlich ein absolut unsympathischer Mensch, dieser Professor. Aber Jens Ochlast hat ihm mehr Menschlichkeit zugestanden als der Autor. Bei ihm ist Francois zwar eitel und selbstgefällig, egoistisch und seelisch erkaltet (irgendwann wird auch einmal auf seine lieblose Kindheit verwiesen), aber er gibt ihm eine strahlende Lebendigkeit, die man einer Naivität und Weltfremdheit zuschreiben könnte, wie sie so manchem einseitig orientierten Wissenschaftler anhängt. Er ist überhaupt nicht so ein Waschlappen wie der François in der sehr symbolisch ausfeilten Berliner Inszenierung, in der die Lethargie und Depression des Protagonisten (also Frankreichs) sehr viel krasser und mit mehreren Schauspielern im wechselnden Rollenspiel im Vordergrund stehen.

Hier spielt Ochlast allein, zuweilen wird auch die dunkle Telefonstimme seiner Freundin MIriam, die ihn verlassen muss, eingespielt: denn ihre jüdische Familie hat sich vorausschauend auf die Flucht nach Israel vorbereitet, hinein in eine zwar nicht minder gefährliche Umgebung, aber in eine bekannte Situation. Der Islam wäre für die Juden in Frankreich ein größeres Übel als die drohenden Angriffe terroristitscher Palestinenser. Und François läßt sie gehen, obgleich sie ihm ihre Liebe mehr als deutlich zeigt und bei ihm bliebe, wenn er nur ein Wort sagen würde. Aber er schweigt, besorgt um die eigene Bequemlichkeit, um die Freiheit, sich zu amüsieren, wie es ihm beliebt.

Und als er nach scheinbar zielloser Flucht vor der neuen Wirklichkeit aufs Land fährt, um seine Entlassung aus dem Hochschuldienst zu verkraften, planlos wieder nach Paris zurückkehrt und sieht, dass die Bevölkerung alle neuen Maßnahmen gelassen hinnimmt und sich alles zu seinen Gunsten zu ändern scheintt, da ist auch der letzte Rest von Betroffenheit, an Zweifeln, an Zvilcourage verschwunden. Die Möbel in seiner Wohnung sind zwar nur noch im oberen Teil zu sehen, die alte Welt ist fast verschwunden, versunken in einem Dunkel, aus dem nun scheinbar strahlend eine neue Zeit anbricht, die ihn und seinesgleichen mit männlichen Privilegien ausstattet und weiterhin in ein bequemes Mitläufertum einordnen kann.

Vorbei sind die Zeiten der freien Meinungsäußerung, des Streitens und Rebellierens, des Kämpfens um Gerechtigkeit, um Freiheit, um demokratische Grundrechte und Werte. Was so honigsüß als Versprechung des neuen eloquenten, überzeugungsfähigen Präsidenten Mohammed Ben Abbesklang, nämlich die Abschaffung der Arbeitslosigkeit, die gesellschaftliche Anerkennung der geistigen Elite, der anderen Religionen, Bildung für die Kinder, Abschaffung aller störenden Freizügigkeiten und Hindernisse im Tagesablauf wie auch in der Lebens-und Berufsplanung, die Förderung der einfachen Kaufleute und Kleinbetriebe, die Lösung vom globlen Großkapital und die Erweiterung Europas zu den südlichen Ländern zeigt nun ihre Kehrseite. Voraussetzung für alle und alles ist die Zugehörigkeit (Unterwerfung) zum Islam.

Eine Theaterinszenierung ist sicher einfacher zu verfolgen als ein 300 Seiten umfassender Roman zu lesen. Aber die Bühnenfassung kann nur eine Auswahl des Textes, eine dramaturgisch geschickte Zusammenstellung der darstellbaren oder eingängigen Ereignisse sein. Im Vergleich wären neben Berlin (siehe auch Kritik in “Theater im Visier”), auch noch die Hamburger und demnächst (9.12. Premiere) eine Bremer Version zu begutachten, und dann könnte sich vielleicht ein kritisches Gesamtbild ergeben. A.C.

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