Die Hugenotten, B

von Giacomo Meyerbeer (1791 – 1864

 Grand Opéra in fünf Akten

Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps
Uraufführung am 29. Februar 1836 an der Opéra de Paris
Premiere in der revidierten Fassung der historisch-kritischen Edition
an der Deutschen Oper Berlin am 13. November 2016

Musikalische Leitung: Michele Mariotti; Inszenierung: David Alden; Bühne: Giles Cadle; Kostüme: Constance Hoffman; Licht: Adam Silverman; Choreografie: Marcel Leemann; Dramaturgie: Jörg Königsdorf/Curt A. Roesler
Mit: Marguerite von Valois: Patrizia Ciofi; Graf von Saint-Bris:Derek Welton; Graf von Nevers-Marc Barrard; Valentine:Olesya Golovneva;Urbain:Jana Kurucová;Tavannes / 1. Mönch-Paul Kaufmann;Cossé-Andrew Dickinson; Méru / 2. Mönch; John Carpenter; Thoré / Maurevert: Alexei Botnarciuc; de Retz / 3. Mönch; Stephen Bronk: Raoul von Nangis;Juan Diego Flórez; Marcel:Ante Jerkunica;Bois-Rosé: Robert Watson;Ein Nachtwächter :Ben Wager;Zwei Hofdamen/Zwei katholische Mädchen:Adriana Ferfezka/Abigail Levis
Chöre/Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Die Entwicklung der bereits seit 12 Jahren schwelenden Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und französischen Protestanten wurden zwar zeitweilig durch Annäherungsversuche  auf beiden Seiten ein wenig nivelliert, doch letztlich kam es nach der Ermordung des Hugenottenführers Coligni am 22. August 1572 zur blutigen Bartholomäus Nacht: aus Furcht vor einem wahrscheinlichen Vergeltungsschlag der Hugenotten überfiel die katholische Fraktion des Adels unter der Führung des Herzogs von Guise die unvorbereiteten Familien und richtete ein furchtbares  Massaker an, das  über 3000 Menschenleben forderte.  Da sich der frisch vermählte protestantische König Henri von Navarra mit der französischen Königstöchter Marguerite  der Verantwortung entzog, waren die Hugenotten vollkommen schutzlos.

Ein internationales Highlight

Giacomo Meyerbeer (1791-1864) hat die Ereignisse jener Zeit in das Schicksal zweier Liebenden eingebunden, die, wie bei Dramen aller Couleur üblich, natürlich jeder zu den gegnerischen Lagern gehören und erst spät, zu spät zusammenkommen. Musikalisch und optisch von großem Farbenreichtum ist diese Grand Opéra, die sich romanhaft mit vielen kleinen munteren, harmlos erscheinenden Szenen langsam in das Zentrum des politischen und persönlichen Konflikts der Parteien voran bewegt  (tatsächlich orientierte sich der Komponist an den historischen Romanen des französischen Dichters Victor Hugo) und mit bizarren Bühnenbildern, malerischen Kostümen, neckischen Tanzeinlagen und heldenhafter Dramatik an uns vorbeirauscht. Szenisch exakt abgestimmt variieren polyphon konstruierte Passagen einfühlsam und dynamisch mit dunklen, unheilvoll mit den sich  ausdehnenden furiosen Mächten des Schicksals, die wie Orkanattacken über die Schutz suchenden, im hilflosen Gebet verharrenden Menschen herfallen.

Dass diese Inszenierung ein internationales Highlight sei, war die einhellige Meinung einer Gruppe englischer Besucher – und damit standen diese Opernfreunde wohl nicht allein. Und eine Berliner Schauspielerin attestierte diesem opulenten Werk, das alle beteiligten Sparten zur Optimierung ihrer Leistung herausforderte, sie nicht einen Augenblick enttäuscht zu haben. Das ging auch anderen, nicht nur professionellen Besuchern an diesem Abend so, an dem die Historie des 18.Jahrhunderts  in Paris das verheerende Massaker der Franzosen an einer protestantischen Minderheit in einem opulenten Bühnenereignis widerspiegelte. Dirigent Michele Mariotti und Regisseur David Alden führen Orchester, Solisten und Chor in ein atemberaubendes, spannungsgeladenes Szenario einer aufbehrenden Minderheit und einer gelangweilten, dekadenten Oberschicht und beweisen, dass dies als unaufführbar gehaltene Großwerk seine adäquaten Stimmen und Talente vor allem mit der kokett verführerischen  Patrizia Ciofi als Marguerite von Valois, die gefühlte 60 Minuten lang wie ein ganzer Schwarm von jubilierenden frühlingserwachten Vögeln in ihrem goldenen Käfig  sehnsüchtig zwitscherte und tririlierte und der erst spät zur Geltung kommenden traurigen Valentine von Olessya Goloneva in dieser Inszenierung gefunden hat.
Mit dem argentinischen Startenor Juan Diego Flórez als Hugenottenführer und Geliebter Valentines Raoul von Nagis steht in dieser Aufführung eine sich kraftvoll steigernde Persönlichkeit in dem schmerzhaften Zwiespalt zwischen der Pflicht, seine Leute vor dem drohenden Massaker zu warnen und seiner endlich sich erfüllenden Liebe zu Valentine. Das erfordert lange innige, emotional auf- und absteigende, auf Höhen und Tiefen changierende heftige Duette in werbender und überzeugender Auseinandersetzung. Um ihr kurzzeitiges Glück kämpfend, bringt Valentine, nicht länger zum Verzicht auf den Mann bereit, der sie solange verkannte, ihre unerschütterliche Liebeskaft voller Sinnlichkeit in sich steigernden Koloraturen ein, die sie selbst schier zu zerreißen droht, und  Roaul, der vier Auführungsstunden gebraucht hat, um zu begreifen, dass diese Frau nur ihm treu und lieb gewesen ist, ein kraftzehrendes, schwankendes und verzagendes Ringen um Pflicht und Liebeserfüllung.
Einzig warnend steht ein großer, düsterner Mann dem hoffnungslos verliebt-blinden Raoul beschützend zur Seite, um ihn von der flachen Freundschaft mit den katholischen Adel zu überzeugen. Marcel, der Haudegen vergangener Auseinandersetzungen zwischen Hugenotten und Katholiken, kennt keine Gnade, weder mit dem verachteten Feind noch mit den Frauen, die leichtlebig, gottlos und treulos sind. Er wird erst am Ende des sich ohne Gnade zuspitzenden Schicksals von der aufopferungsbereiten Valentine eines Anderen belehrt werden. Noch prophezeit er, seine Stimme bereits in jenes unheilvoll drohende tiefe Schwarz herabsenkend, den Verrat und den gefährlichen Absturz in die Dunkelheit der Geschichte. Ante Jercunica ist der realistische, unbeirrbare Gegenpart einer trügerischen Lichtgesellschaft.
Meyerbeer schont seine Sänger nicht. Er läßt sie – zunächst leichtfertig, leichtstimmig, spielerisch auf den Pfaden der vergnüglichen Lebens wandeln, Spiel, Wein, Weib und Genüssen aller Art frönen, derweil sie die reale Welt jenseits der Palastmauern ignorieren, um sie dann um so tiefer ins Leid zu stürzen. Und das Orchester führt, zwischen den Welten einer vertrauensvollen Gläubigkeit (Eine feste Burg ist unser Gott), der beseelenden Genialität eines Johann Sebastian Bach im Wechsel mit den schönen Kapriolen und der strahlenden Gefühlswelt des Belacanto rhythmisch und instrumental in aller Breite, Höhe und Tiefe variierend durch alle Stimmungswechsel und dramatischen Paradigmen –  von einem Feuerwerk der Vergnüglichkeit und Besinnung, der Leidenschaft und der Kampfesbereitschaft, der Opferfähigkeit und der nie versiegenden Liebeskraft bis hin zur menschlich dunkelsten Seite, die keine Gnade kennt. A.C.Text: Deutsche Oper
Mit seinen HUGENOTTEN brachte Giacomo Meyerbeer 1836 eines der größten Massaker der europäischen Geschichte auf die Opernbühne: Der Versuch der französischen Katholiken, in der Bartholomäusnacht des Jahres 1572 alle Protestanten des Landes zu ermorden, ist bis heute eines der furchtbarsten Beispiele für die Auswirkungen von religiösem Fanatismus. Dass DIE HUGENOTTEN zu Meyerbeers berühmtester Oper wurden, liegt jedoch nicht nur am spektakulären Thema, sondern ebenso an der Unerbittlichkeit, mit der er diesen Stoff erzählt: Vom brüchigen Frieden zwischen den Konfessionen über vergebliche Schlichtungsversuche und die Organisation des Verbrechens in der berühmten „Schwerterweihe“ bis zum wahllosen Abschlachten der Hugenotten zeigt die Oper exemplarisch die Entwicklung einer Katastrophe.
In der Verknüpfung des Schicksals der beiden Liebenden Raoul und Valentine mit dem historischen Großereignis der Bartholomäusnacht wurden die HUGENOTTEN zugleich zum Modellfall der neuen Gattung Grand Opéra und zu einem der wirkungsmächtigsten Werke der Operngeschichte.
An der Deutschen Oper Berlin sind DIE HUGENOTTEN zentraler Teil des Meyerbeer-Zyklus, der die wichtigsten Werke des größten Berliner Komponisten in szenischen Neuproduktionen vorstellt. Für die Regie konnte mit dem Amerikaner David Alden einer der profiliertesten Opernregisseure unserer Zeit gewonnen werden, von dem an der Deutschen Oper Berlin zuletzt die Inszenierungen von Brittens PETER GRIMES und BILLY BUDD zu sehen waren.
 

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