Ödipus/Antigone, HB

nach Sophokles ( 497/496 v. Chr. in Kolonos; † 406/405 v. Chr. in Athen) gilt neben Aischylos und Euripides als der bedeutendste der antiken griechischen Tragödiendichter
Bremer Inszenierung in einer Fassung von Jan Eichberg
Theater am Goetheplatz,Bremen, 2017
Regie: Felix Rothenhäusler, Dramaturgie: Akm Emanuel Sipal, Bühne: Katharina Pia Schütz, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Matthias Krieg, Licht: Chrisitan Kemmetmüller.
Mit: Annemaaike Bakker, Verena Reichhardt, Mirjam Rast, Johannes Kühn, Siegfried W. Maschek, Robin Sondermann,Bastian Hagen, Matthias Krieg

 Sophokles in 70 Minuten

Sämtliche Werke Shakespeares in 100 Minuten – Sophokles: zwei Meisterwerke der Antike in 70 Minuten –
wer ist schneller, lustiger, aktueller? Aber wo bleibt die klassische Grundlage? – Alle rufen nach Bildung, wie sieht die aus?
Hier sieht sie so aus: Eine moderne Wohnecke mit großen Fenstern mit Meeresblick, rundum Wasser, Bühnenskizze eines Mythos in der Ägäis, aus 2500jähriger Vergangenheit in die Jetztzeit gebeamt. Talkshow des Familienrats nach Comedy-Art. Abspulung einer Familientragödie mit schwarz-humoristischem Einschlag. Es wird schnell, für das allgemeine Verständnis, zu schnell dahergeplappert, pausenlos, ohne Punkt und Komma –   Schmerzempfinden und Mitgefühl in diesem Familienkonflikt sind nicht vorgesehen, werden verdrängt, davongespült vom nicht endenden Redefluss aller Beteiligten. Aber diese Methode hat einen Sinn.

Und so kommt es, wie es kommen muß: Der weiterhin auf Aufarbeitung der seltsamen Geschichte des großen Unbekannten, der König Laios einst tötete, bestehende Öidpus, der als Jüngling nach Theben kam, die Stadt von der Jungfrauen fressenden Sphinx befreite und ins Meer stürzte, und der als Belohnung die Königin freien durfte und mit ihr vier Kinder zeugte, dieser Ödipus also rennt blind und stur gegen den Protest seiner Gattin Iokaste ins Verderben. Nichtiger Anlass für die Famlientragödie ist hier ein simpler Schnupfen des Neffen Haimon, Schwager Kreons Sohn, der mit beinahe visionärer Kraft die Pest im Land heraufziehen sieht als ein Zeichen der erzürnten Götter für eine alte nicht getilgte Schuld.

Was ist das – ein Schnelldurchgang, der für Kenner der Dramen Sophokles’ verwirrend und teilweise recht amüsant ist, für noch völlig Unerfahrene in klassischer Mythologie aber nurmehr Verständnislosigkeit heraufbeschwört, Lacher an völlig falschen Stellen, Empathie für die vom Schicksal Getroffenen? Weit gefehlt und noch weiter entfernt. Ein netter, skurriler Abend mit Mord und Totschlag, nicht getilgter Schuld und Sühne – beinahe so gut und schrecklich wie ein TV-Krimi.
Da hocken die drei Damen – Iokaste, die wissende, ahnende, gequälte Mutter Ödipus’,(die den totgeglaubten Sohn nichtsahnend als Gatten nahm) nun mit der strengen Ismene und dem flotten Teenager Antigone auf dem chicen Sofa, während Ödipus, bereits in Vorwegnahme der Ereignisse, mit roten Augenrändern und einer turbahnähnlichen Kopfbedeckung an der Wand steht und das Unheil aus der Vergangenheit mit permanten Nachfragen in die Gegenwart holt. Hell ausgeleuchtet ist die Bühne, freundlich, sogar geschmackvoll, mal kein Müll – der ist nun innerlich gelagert. Weiterhin lehnt Kreon, gleichfalls mit phantsievoller, rangmäßig kleinerer Kopfbedeckung, ansonsten eher lässig am Fensterahmen und vertritt befremdlich unberührt, beinahe wie ein höflicher Automat, als Verfechter einer neuen Staatsräson die Notwendigkeit drastischer Maßanahmen gegen alle, die gegen die neuen Gesetze verstoßen. Neben ihm und unterhalb hockt in klassischer Kleidung der alte blinde Theresias, Seher aus alten Zeiten, Wahrsager im Dienste der Götter. Immmer wenn es ernst wird, stürzt sich seine Stimme in eine tiefe krächzende Dunkeltönigkeit, die wie aus dem Jenseit emporsteigt und Unheil verkündet. Und vor der Familie, am vorderen Rande der kleinen Wohninsel, hockt Haimon im Göttergewand, der als einziger nicht nur Sophokles’ rhythmische und wortgewaltige Bildsprache beherrscht, sondern auch Paul Celans Todesfuge schon dunkel weissagt.  Denn er ahnt, wie die Tante Iokaste und fest im der Glaubenswelt der Ahnen verwurzelt, warum er kränkelt: die Pest bedroht die Stadt, weil Böses in der Vergangenheit im Hause der Herrscher geschah. Er steht für zugleich für den klassischen Chor der antiken Dramen.
So wird beharrlich erfragt und zu Tage gefördert, was einst so Entsetzliches geschah: Das Orakel verkündigte Thebens Herrscherpaar Laos und Yokaste, dass ihr Sohn eines Tages den Vater erschlagen, die Mutter heiraten und den Thron von Theben besteigen werde. Um das zu verhindern,   versuchte Yokaste dem Götterspruch zu entgehen, indem sie das Kind durch einen Hirten in die Wüste bringen ließ. Der Hirte hatte Mitleid, brachte das Kind zu Adoptiveltern und ließ es dort aufziehen. Doch es kam, wie es kommen mußte: Eines Tages geriet der junge Mann in Streit mit einem Fremden, erschlug ihn in Notwehr, seine Begleiter ebenfalls und ging nach Theben, wo er die böse Sphinx vernichtete und zur Belohnung die verwitwete Königin heirateten durfte. Den Täter, der Laios tötete ,  hatte man bis dato nicht gefunden.

Der junge Regisseur und sein Dramaturg setzen als absolut vorherrschendes Stilmittel  dieser Inszenierung den ununterbrochenen Redefluss aller Beteiligten ein, wobei nicht viel Raum bleibt, die Charkatere besonders auszuleuchten. Sie reden und reden, störisch, jeglicher Widerstand wird überplappert, Reflexion verweigert, man hat Angst, der Wahrheit ins Auge zu schauen, aber man scheut sich auch, sich zu wehren, aufzubegehren, zu hinterfragen (könnte die Pest auch eine andere Ursche haben, könnte das Schicksal ihnen nicht einen üblen Streich gespielt haben, den niemand sie zu sühnen zwingen kann?) Der Trieb zu Selbstvernichtung scheint so stark, dass Ödipus auf niemanden hört und mit seiner Tätersuche nicht innehält. Was wäre, wenn… wenn Ödipus nicht nachgeforscht hätte, nicht Details herausgesucht, nicht erbarmungslos den Sturz ins Dunkel gesucht hätte. Selbstblendung als Sühne – wo liegt die eigene Schuld, wo könnte der Hebel zur scheinbar sich endlos wiederholenden Verdammung angesetzt werden? Noch ist es wichtiger, das Urteil der Götter zu erfüllen, sich der Weissagung nicht länger zu widersetzen. Seine Tochter Antigone, zwar flott und modern, jedoch ist seine ihm nahe stehende Gefährtin im Ehrenkodex. Sie bleibt bei ihrer Tradition, die Toten zubegraben, auch wenn Kreon es ihr verbietet. Denn dem Bruder Polyneikes, im Krieg gegen die eigenen Leute getötet, wird als Staatsfeind ein Begräbnis in der Heimat verweigert. Wer ihn dennoch begräbt, muss mit dem Leben büßen. Ismene, in tiefes Schwarz gekleidet, argumentiert kühl und sachlich auf des Gesetzes Seite (mit albernem Hitler-Schnurbärtchen, wie auch einige dahinzielende Anspielungen im neuen flachen Text deplaciert wirken) ist die treue “Beamtin”, die sich auf die neue Zeit einstellt. Mutter Iokaste hat sich längst das Leben genommen, und Kreons Sohn wird seiner geliebten Antigone in den für immer verschlossenen Kerker folgen. Auch Kreons Frau überlebt diese Familienschande nicht.

Und was sagt uns das nun in diesem 70 Minuten Parforce-Ritt? Die Inszenierung sieht das Drama nicht so sehr als Symbol für den Paradigmenwechsel: die alte Zeit verändert sich, streift die ohnmächtige  Schicksalsergebenheit unter der Willkür der Götter ab und erstrebt ein neues Selbstverständnis, das den Gesetzen der Gemeinschaft folgt, sie eigenverantwortlich macht und eine neue Werteskala im Rahmen einer, zwar immer noch autokratisch geführten Gesellschaft, aber von der Willkür alles Mystischen und Unerkärlichen befreit.  Die Ratio, wie immer sie auch mißbraucht werden wird, gewinnt die Überhand. Die alte Welt schwindet und mit ihr auch die letztendlich bequemere Möglichkeit, für alle  Unbill nicht selbst die Schuld zu tragen. Das soll hier die vorderste Aussage sein: Man redet sich nicht nur um Kopf und Kragen, und steht auch nicht zu seiner Schuld und Eigenverantwortung. Vergebung, Scham und Reue waren in der alten Welt im Handeln inbegriffen, weil alles vom Schicksal vorbestimmt war, und die Menschen als hilfloser Spielball zwischen den Intrigen der Götter hin- und hergeschoben wurden. Nur ihr Ende bestimmten sie selbst. A.C.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


1 + eins =