Maria, Ol

von  Roman Statkowski (1859 — 1925)
Oper in drei Akten
Libretto vom Komponisten nach einem Gedicht von Antoni Malczewski (1773-1826)
in polnischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Deutsche Erstaufführung – Oldenburgisches Staatsstheater 2018

Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann, Regie: Andrea Schwalbach, Bühne: Anne Neuser, Kostüme: David Gonte, rChorleitung: Thomas Bönisch, Licht: Ernst Engel , Dramaturgie: Annabelle Köhler
Darsteller Maria: Arminia Friebe, Waclaw: Jason Kim, Miecznik: Kihun Yoon, Wojewoda: Tomasz Wija, Zmora: Henry Kiichli, Pachole: Britta Glaser, Slacic: Sandro Monti/ Volker Röhnert, Kosak: Georgi Nikolov/ Ihor Salo, Kosak: Andreas Lütje/ Toshihiko Matsui. Opern- und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheaters

Am Horizont glimmt schon die Revolution

Es gibt u.a. zwei Bilder, die in dieser eigentlich kühlen und sachlichen, im Jahre 1903 erstmals aufgeführten Erzähloper ans Gemüt gehen: da ist die trotz ihrer unbedingten Liebe zu Waclav bereits die bittere Zukunft ahnende Gutsbesitzertochter Maria, deren Vater Miecznik (warmherzig Kihun Yoon) sie anfleht, den Ehemann freizugeben, ahnend, was ihm und der Tochter geschehen wird, wenn der brutale Vater Waclaws zuschlägt. Und es ist die gruselige Karnevalsfeier der grell und grotesk zum Fürchten geschminkten Volksvertreter, die in Diensten des Wojewoda morden. Unter dem schwarzen, nur von Mond und Schnee erleuchteten HImmel ist die graue Burgwand jäh eingestürzt, und die Meute der Meuchler umringt lärmend und drohend Maria und ihren Vater. Sie töten unauffällig, diese Männer im Dienste des kühl kalkulierenden Herrschers, dem das Volk eher aus Angst zujubelt denn aus Sympathie. Und da er sogleich unter den noch nachklingenden unheilverkündenen Tönen der Overtüre auch schon das Kommende verkündet, weiß fortan ein jeder, was die Stunde geschlagen hat: da Waclaw die vom Vater vorgesehene Vermählung mit der Königstochter verschmäht und er seine unstandesgemäße Liebe Maria gegen den Willen des Wojewoden geheiratet hat, wird dieser die junge Frau vernichten und seinen Sohn in den Krieg schicken. Er wird beide mit dem Scheinangebot der Versöhnung und des Entgegenkommens geschickt täuschen.

In ihrer lakonischen Darstellung, im vorhersehbaren unweigerlich zwingenden Ablauf der Geschichte, ist ist es die lebehafte Orchestrierung, deren Instrumente jeweils das dramatische Geschehen kommentieren und aufbauen, differenziert auf die Protagonisten wie auf die Chöre eingehen, sie leidend und liebend begleiten und sich sinfonisch auftürmen wie hohe Wellenberge, wenn die Menschen wehrlos im Strudel der Gewalt auf- und abtauchen. Musikalisch dicht und bildhaft orientiert sich der polnische Komponist Roman Satkowski ebenso an der russischen Oper und Sinfonik seiner Vorbilder wie Tschaikowski, Borodin, Rimski-Korsakow und Mussorski als auch an der neuen Melodien- und Themenführung von Richard Wagner. Mit einer ungemein farbigen Orchestrierung und größtem sinfonischen Schwung bringt Statkowski die alte Erzählung einer unstandesgemäßen Liebe im tödlichen Griff der Macht packend auf die Bühne. Er bleibt jedoch auch in der Zeit des Aufbruchs in die Moderne vorwiegend der polnischen Tradition und der slawischen Musik treu und spielt sicher auf der Tastatur der lyrischen und dramatischen Gefühlsskalen, indem er uns die gläubige Empfindsamkeit seiner Landsleute mit wohlklingender Empathie vermittelt. In dieser kriegs- und gefühlskalten Welt der Gesellschaftsordnung vertrauen sich die Männer in einem wunderbar weichtönenden, sanft dahingleitenden Choral ihrem Gott an, bevor sie gegen die Eindringlinge aus dem Osten in den Krieg ziehen.

Gleichsam zeichnet Statkowski die zum Tod verurteilte Maria mit engelsgleichen Gesangspartien aus, auf die sich Arminia Friebe hingebungsvoll einläßt und mit dem hinreißenden Tenor von Jason Kim eine  nicht mehr in dieser Welt erfüllbare größte Harmonie celebriert. Ob idyllische Vereinigung, ob stürmischer Tumult, ob es Wogen des Widerstandes zu bewältigen gilt oder die tränenreiche Trennung – die neue Oldenburger Inszenierung präsentiert diese lange vergessene Oper als ein virtuoses Spiel in einem Kaleidoskop vielfältiger musikalischer Schattierungen – für deren klare orchestrale Spiegelung sich das Bühnenbild und die Inszenierung sehr wohl zurücknehmen dürfen; der graue enge Burghof, die glänzenden Lederkostüme und die auf ein Theaterpodest erhobene, längst der fokloristischen Idylle entkleidete  Heimstatt von Miecznik und Maria können überdies mit ausreichender Symbolik dienen.
Und die schöne fremdartige Frau (im fließenden roten Hosenanzug und später im neuzeitlichen Outfit), die sich anmutig zwischen den Frauen und Männern bewegt, mystische Vorahnungen aussprechen darf und die Menschen kurzzeitig innehalten läßt, darf sich sogar frei bewegen ohne dafür bestraft zu werden – denn ihre Ankündigung von Emanzipation und Befreiung von den Sklavenketten, mit denen das Volk noch gefesselt ist, wird von den Mächtigen gar nicht ernstgenommen; ein Fehler, wie sich in der Geschichte der Völker als auch hier in letzten Szene herausstellen wird – es ist die leise, stetige Revolution, das beharrliche Aufbegehren der Wenigen, die sich alsbald zur Masse formieren werden, um sich von ihren Unterdrückern zu befreien. Britta Glaser spielt und singt diese Frau mit Namen Pachole mit starker körperlicher Präsenz und verkündet mit glasklarer Stimme als eine noch weitestgehend unsichtbare Kassandra den Untergang der Mächtigen. Wie aber der zunächst allmächtig erscheinende Wojewoda von Tomasz Wija seinen dahinsterbenden Sohn betrauert und dabei hilflos die Unmöglichkeit einer anderen Wahrnehmung als der seinen offenbart, hat etwas zusätzlich Ergreifendes und läßt die Ausweglosigkeit der Menschen in alten Zeiten in ihrer absoluten Unbeweglichkeit noch viel tragischer erscheinen als die Liebesdramen aller Opernpaare. A.C.

Den Konflikt zwischen Vater-und Familientreue, Rache, Liebe und Ausweglosigkeit zeigt das Oldenburgische Staatstheater in einer barocken Opernversion von Johann Adolph Hasse, s. auch “Siroe -König von Persien”.

 

 

Antoni Malczewski (* 3. Juni 1793 in Warschau; † 2. Mai 1826)

Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Malczewski besuchte das Gymnasium in Krzemieniec. Er trat 1811 in die Armee des Herzogtums Warschau ein, wo er es zum Rang eines Leutnants brachte. Danach reiste er durch Westeuropa. 1818 gelang ihm die Erstbesteigung des Nordgipfels der Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Massiv. Im Folgejahr lernte er mutmaßlich den von ihm hoch bewunderten Lord Byron kennen. Nach seiner Rückkehr nach Polen verfasste er 1825 sein einziges bekanntes Werk, die Versdichtung Maria, die heute zu den Meisterwerken der polnischen Romantik gezählt wird, zu seinen Lebzeiten jedoch kaum Beachtung fand. Neben Seweryn Goszczyński und Józef Bohdan Zaleski wird Malczewski zur Ukrainischen Dichterschule gezählt.

  

 

 

 

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