Ocana, Königin der Ramblas, B

Eine Hommage von Marc Rosich und Marc Sambola

Neuköllner Oper, 2018

Arrangement/Komposition/Musikalische Leitung: Marc Sambola, Regie und Text: Marc Rosich, Choreografische Mitarbeit: Julieta Figueroa, Bühnenbild/Video: Eugenio Szwarcer, Kostüme: Joana Marti, Dramaturgie: Bernhard Glocksin
Ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Opera de Butxaca i Noves Creacions-Barcelona, mit Unterstützung des Ajuntament Barcelona
mit: Denis/Ocana-Denis Fischer, Professor/Onkel Max/Nazario – Victor Petitjean, Gitarren: Takashi Peterson und Jerzy Chwastyk

 Wie ein Tanz auf dem Vulkan

Verstörend und verblüffend entwickelt sich diese Hommage an eine schrill-faszinierende Persönlichkeit der homosexuellen Szene Spaniens: Der Performance-Künstler,, Sänger und Maler Ocana  formte sich als exzentrischer Transvestit, der in denkwürdigen Selbstinszenierungen nicht nur in Barcelona die Menschen in seinen Bann zog, als eine neue Sukultur nach Francos Diktatur ebenso schonungslos wie schockierend Akzeptanz und Freiheit für Homosexualität forderte.

In den wilden Jahren der 70er etablierte sich eine aufschreiende Kultur, in deren Mittelpunkt sich José Pèrez Ocana /1947-1983) als Rebelll und Dragqueen auf den Ramblas von Barcelona mit leidenschaftlichen “Coplas”, den traurig-sentimental, aufrüttelnden Liedern des Alltags, als sein eigener Regisseur, Texter, Maler und Schauspieler inszenierte. Seine Freunde, Liebhaber, Fans nannnten ihn “Königin der Ramblas”, und versäumten wohl keinen seiner spektakulären Auftritte auf den Straßen und in den Szenelokalen, in denen eine neu Freie Presse eifrig nach Sensationen suchte. Und die lieferte dieser Star mit einer wohl einzigartigen Aura. 19… präsentierte er sich in Berlin vor dem Brandenburger Tor zur Biennale, die einen Film über ihn gedreht hatte…

…und hier setzt die faszinierende Inszenierung in der Neuköllner Oper ein: die Geschichte dieser ungewöhnlichen Erscheinung haben der katalanische Autor und Regisseur Marc Rosich und sein Kreativ-Team für zwei Darsteller in ein abendfüllendes Spektakulum umgesetzt, das von zwei Gitarristen begleitet wird. Denis Fischer und Victor Petitjean verwandeln sich nach und nach in die Rambla-Queen und ihren/seinen Freund Nazarrio. Doch zunächst sind da nur ein schüchterner junger Student Denis und sein ungeduldiger Professor, der seinen Schüler  über diesen spanischen Künstler hat promovieren und nun darauf wartet, dass dieser seine Arbeit vorstellt. An der Wand hinter den beidne Musikern, die das Spiel auf der kleinen Bühne ins Publikum mit dieser gedehnten, rhythmischen  Liedern begleiten, werden verschiedene historische Bilder von Ocana und ihren eigenen Kunstwerken projeziiert.

Während sich Denis in seiner Erinnerung langsam freischwimmt, wird vor seinen und unseren Augen eine seltsame Situation aufgerollt: ein kleiner Junge erlebt vor dem Brandenburger Tor diesen poppigen maniriert-affektierten Star  und ist sofort von ihm fasziniert. Sein Onkel, großer Fan von Ocana, stellt ihm den Künstler vor, der einige Worte an den Jungen richtet – unverständlich, weil natürlich in spanisch. Aber sie werden ein Leben lang in seinem Gedächtnis haften bleiben wie dieser ganze erste überwältigende Begegnung…

Nach und nach nimmt Denis, der aus den Tagebüchern des weit gereisten Onkels mit zunehmender Intensität dessen Freundschaft mit Ocana nach-erlebt, äußere Gestalt und Gebaren des Transvestiten an – zunächst mit leicht verändertem Outfit, die bürgerliche Kleidung weicht Corsage und Straps, Kleid und greller Schminke samt Perücke, und Denis mutiert zur Ocana mit aller Leidenschaft und Intensität, mit der er diesen Künstler nachempfindet, führt uns mit den poetisch- sehnsuchtsvollen Coplas in eine fremde Welt, spielt mit schriller Stimme den exaltierten Transvestiten, leidet bis zur Selbstauflösung, erwacht jäh aus dieser Rolle und schlüpft in die des Kämpfers für Freiheit, gleichgeschlechtliche Liebe, gegen Diffamierung und Ausgrenzung.

Mit großer Hingabe und Glaubwürdigkeit spielt sich Denis Fischer mehr und mehr in das Leben, in die schillernde Persönlichkeit des spanischen Comedian ein, der als Clown grotesk traurig, verspielt und ernsthaft, aggressiv und bescheiden alle Register seiner Ausdrucksskala zieht. Er scheint alle Gegensätzlichkeiten in sich zu vereinen, fügt sich in Jammertiraden und ironische Complets, rastet hysterisch aus bis an den Rand der Unerträglichkeit und balanciert auf dem schmalen Grad zwischen schauspielerischer Finesse und irrer Selbstverliebtheit. Der Freund, der ihm zur Seite steht, wechselt vom Professor der Geschichte zum verliebten Onkel der Szene und somit wie ein Chamäleon auch Kleidung und Habitus. Er wird zum ruhigen Begleiter seines sexbessenen Freundes und hält  wohltuend beruhigend und einfühlsam die Balance zu der oftmals ausflippenden Primadonna. Für Denis Fischer, der all diese ungewohnten stimmlichen Variationen und schauspielerischen Facetten in ihrer Subtilität und Einzigartigkeit nachstellt, sich den wechselnden Stimmungen von Ocana hingibt, sich in die Seele dieses im Inneren zutiefst unglücklichen Menschen hineinfühlen kann, ist das eine meisterliche Leistung. Und er zeigt uns, wie man sich die “Königin der Ramblas“ vorstellen könnte, wie sie ihr Publikum mitgerissen hat – mit Liedern, die mit hohem weichen sopranhellen Tenor mit elegischer Hingabe melodramatisch die Menschen anziehen – vielleicht für heutige Zeiten keine Besonderheit mehr, doch in den ausschweifenden Jahren nach der spanischen Diktatur muss es wie ein Tanz auf dem Vulkan gewesen sein. Denn das gesellschaftliche Schwert pendelte noch immer gefährlich über allen Homosexuellen und Außenseitern, die für ihre Interessen auf die Straße gingen und nicht selten so manche Nacht im Gefängnis verbrachten…

Und so schrill wie dieser Mann gelebt hat, so wird er auch in den Tod gehen – als schrecklich-schöne Vision wird sein synthetisch enges Gewand im Funkenregen der letzten Performance Feuer fangen. Aber daran wird er nicht sterben, sondern an einer langjährigen Hepathitis- vielleicht auch an Aids wie sein Freund Nazario, aber das hätte er niemals zugegeben.

 

 

 

 

 

 

 

 

A.C.

 

 

 

 

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