La Clemenza di Tito, OL

Opera seria in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: von Caterino Mazzolà nach Pietro Metastasi (Die Handlung der Oper spielt im Jahr 79 in Rom)
Uraufführung am 6. September 1791 in Prag

Oldenburgisches Staatstheater, 2019
Musikalische Leitung: Vito Cristofaro/ Thomas Bönisch, Inszenierung: Laurence Dale, Bühne: Matthias Kronfuß, Kostüme: Gabriella Ingram , Einstudierung Chor: Markus Popp, Licht: Regina Kirsch, Dramaturgie: Annabelle Köhler – Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters
Tito Vespasiano: César Cortés, Vitellia: Narine Yeghiyan, Servilia: Elena Harsányi, Sesto: Nian Wang, Annio: Erica Back, Publio: Ill-Hoon Choung

 Die seltsame Wandlung eines Imperators

Ein rundum elegantes (Bühnenbild und Kostüme!), homogenes (Sänger und Chor und Orchestersoli und Tutti ) und dem Geist des Barock sowie dem Komposionsgenie Mozart adäquat inszeniertes Spektakel, das im Laufe des Abends an darstellerischer Leidenschaft und musikalischer Intensität – und an pschologsich-poltischem Gewicht gewinnt. Denn das ist die Absicht dieser bereits vor Mozarts Bearbeitung in vielen Facetten dargestellten Wandlung eines Saulus zum Paulus – jenes römischen Feldherrn und Imperators Titus, der in der Geschichte als grausamer und ausschweifender, wildwütiger Tyrann gefürchtet war, unter dessen Befehl Jerusalem in Brand gesetzt und seine Bewohner getötet wurden. Ein Mann, der mehr Feinde als Freunde hatte. Die seltsame Wandlung erfolgte wohl mit der Thronbesteigung, denn als Kaiser unterzog er sich fortan den strengsten moralischen-ethischen und politischen Kriterien und versuchte sich als “lupenreiner Demokrat”. Gleichwohl bedachte Sueton in seiner Historie “Titus Flavius Vespanianus” ihn mit ebenso in hellen Lobeshymnen wie mit heftiger Kriikik. Zu schön, um wahr zu sein- und zu gefährlich für alle, die unter ihm einst gelitten hatten und die ihm nun die Gunst seines Volkes missgönnten, seine Erfolge neideten und sich in ihren Ansprüchen und eigenem Machstreben zurückgesetzt fühlten. Nach nur zwei Jahren seiner Amtszeit wurde Titus ermordet.

Mozart nahm sich den gewandelten Titus zum Sujet, und schrieb diese hinreißende Oper zur Krönung Leopolds II. zum König von Böhmen, doch seine Huldigung  und unglaublich krasse Beschreibung eines großherzig-toleranten Herrschers einerseits, aber eines auch durchaus zweifelnden und unvollkommenen Menschen andrerseits fand zunächst nicht den erhofften Beifall. Gleichzeitig arbeitete Mozart an der großen Zauberflöte, die Verwandtschaft zeigt sich in volkstümlichen Phrasen wie den beiden Duetten des ersten Aktes, während auch die Trios bereits Buffo-Elemente andeuten. Und auch das Ambivalente der Charaktere, wie etwa in Sarastro findet sich in diesem Tito wieder, der um sein Gleichgewicht, um seine Idealvorstellung eines gerechten Herrschers ringt, als ihn seine Gegner zerstören wollen. Das erste Finale überdies wirkt wie ein Bindeglied zwischen dem Stil Glucks und einem Übergang zum 19. Jahrhunderts. Nicht nur in den verschmelzenden Duetten bereichert der Komponist die starre Formgebung der Tradition, und im Gegensatz zur traditionellen Form der Opera seria gibt es ebenso viele Ensemblesätze wie Arien. Allerdings bleibt die Trennung zwischen Handlung und Reflexion bestehen und gibt somit den drei Hauptpersonen der Oper – Sesto, Tito und Vitellia – breiten Raum für ihre leuchtenden Arien, die wie psychologische Selbstfindungsprozesse angelegt sind und die komplexen Charakter meisterlich zu Individuen formen.

César Cortes verkörpert einen Herrschertypus, dem seine Macht und Ausstrahlung bewußt sind. Er spielt den Tito glaubwürdig als einen “neuen Menschen” mit übersteigertem Bedürfnis, für seine Mitmenschen, die ihm ja nun immerhin nach dem Leben trachten, eine Möglichkeit der Vergebung zu finden, die Liebe in allen zu wecken und selbst endlich ein guter Mensch und gerechter Herrscher zu werden. Das klingt persönlich wenig glaubwürdig wie politisch unmöglich, doch dieser Tito ist ein Mann, dem man sein  Ringen auf dem Krankenlager um eben diese Werte durchaus abnimmt. Und sein innerer Kampf, dem Freund und Vertrauten doch irgendwie verzeihen zu müssen, läßt ihn den ewigen Konflikt eines Herrschers erleiden. Die Stimmung vibriert vor innerer Spannung, das Orchester verliert nicht einen Moment die Belance zum Bühnengeschehen! Genial hat Mozart die harmonisierenden Instrumente dem seelischen Aufruhr der Protagonisten beigesetzt.

Anrührend auch des Kaisers Jugendfreund Sesto, von Nian Wang so waidwund gesungen, dass jeder Ton, jedes Ringen um Vitellias Liebesgunst zunächst und später um die Sühnesbereitschaft für seinen Mordanschlag zu einem großen musikalischen Aufruhr wird. Und auch die lustvolle, ehrgeizige, um ihr Thronerbe zunächst betrogene Kaisertochter Vitellia, die Narine Yeghiyan furios mit allen Mitteln weiblicher Macht ausspielt, um ihren Verehrer Sesto als  Verbündeten gegen Tito zu gewinnen. bis er um ihrer Liebe willen in das Komplott einwilligt, verfügt über eine erhebliche dramatische Spannbreite: vom Stolz, zum Aufbegehren, zur Einsicht, zu entsagungsbereiten Geständnis, das ihr den Tod bringen könnte, vollbringt sie von der Rachebesessenen zur Verzichtenden eine leidenschaftliche Entwicklung. Zwischen diesen dramatischen Charakteren wirkt Erika Back als Annio beruhigend und schlichtend, selbst um die Liebe zu Sestios Schwester Servilia besorgt, die Martyna Cymerman mit hübscher jugendlicher Unbefangenheit durch das emotionale Gewirr steuert. Für den schönen Bass des stattlichen Ill-Hoon Choung bleibt als Präfekt der Prätorianer die letzte  Aufgabe, den Ausgang des drastischen Konflikts gütig zu begleiten.

Der lange Beifall nach jeder Aufführung mag eine Bestätigung dafür sein, dass Barockopern, mit Liebe und Phantasie inszeniert und mit einem hoch engagierten Ensemble besetzt – immer wieder ein musikalischer und visueller Genuß sind . A.C.

 

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