Les Boréades, OL

Zusatzvorstellungen am 8. und 9. Jananur 2022
Deutsche Erstinszenierung

Urauführung konzertant 1975, London, szenisch: 1982, Aix-en-Provence

Tragédie von Jean-Philippe Rameau; Libretto zugeschrieben Louis de Cahusac
Oldenburgisches Staatstheater, 2021

Musikalische Leitung: Alexis Kossenko/FelixPetzold, Regie Christoph von Bernuth, Choreografie Antoine Jully, Dramaturgie Stephanie Twiehaus
Ballettkompagnie Oldenburg, Oldenburgisches Staatsorchester, Opernchor; Bühne Oliver Helf, Kostüme Karine van Hercke, Video Sven Stratmann, Licht Regina Kirsch

Sänger: Alphise: Elena Harsányi, Abaris: Mathias Vidal, Borée: Joâo Fernandes, Borilée: Kihun Yoon; Calisis: Sébastian Monti, Sémire: Martha Eason, Adams; Philipp Alexander Mehr, Apollon: Leonardo Lee, Làmour: Bogna Bernadiewicz, Polymnie: Lea Bublitz/Julia Wagner, LeTambour: Michael Metzler.
Tänzer/innen: Elisabeth Cohen, Samory Flury, Oliver Jopnes, Seu Kim, Maelenn Le Dorze, Keiko Oishi, Vincent Tapia, Teele Ude, Garance Vignes, Lucía You.

Es waren einmal – eine Königin, schön, jung und eigenwillig; ihr zur Seite eine tapfere Kammerzofe, deren Mut zum Widerstand gegen die mächtige Boréades-Dynastie sie schon nach dem ersten Akt ins Abseits schickt. Und da sind die kleinen flinken, katzenhaft gelenkig sich windenden und schlängelnden Hofschranzen, die ihren beiden Herren buhlend um die Beine streichen, während sie deren Feinde kratzen, beißen, mißhandeln – ein gewalttätiges Abbild ihrer Herrscher. Das sind: der schwere, grobschlächtige Borilée, der sich brutal nimmt, was er begehrt und eine Vergewaltigung auch noch höhnisch als wahre Liebe apostrophiert, und sein degenerierter selbstverliebter Bruder Calisis, der sich ebenfalls um die Gunst der reichen Königin bemüht, verbalssend jedoch hinter dem Macho Borilée, der, so hat es doch den Anschein, sich aufführt wie ein Despot, der sich in eine moderne Demokratie verirrt hatte – vor noch nicht langer Zeit.

Die Königin Alphise –  Elena Harsányi anmutig zart und zauberhaft und stolz von Standes wegen – widersteht lange Zeit tapfer der elenden Pflicht, einen dieser beiden Widerlinge heiraten zu müssen. Die Katzenhöflinge tun das Übrige, um Alphise das Leben schwer zu machen, zerren an Rock und Haaren, verschonen auch die hilflosen Bürger nicht; in immer neuen Arrangements und Kostümen gestalten sie auch pantomimisch in vielfältiger tänzerischer Akrobatik die fortschreitende Handlung – eine die Inszenierung synchron bestimmende turbulente Stimulanz. Auch die wechselnden Videobilder, die verrätselt auf die gefährlichen Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weisen, bergen eine faszinierende Dynamik für die szenischen Wechsel. Denn die Denkfabrik der Aufklärung, die seinerzeit auf höchst wankendem Boden mehr im Geheimen arbeitete, ist hier die reale Gegenpart zur klassischen Lichterscheinung des Gottes Apoll, dessen erlösende Präsenz noch in der gängigen Opernform vom Publikum geliebt wurde und somit natürlich áuch einen entsprechenden Rahmen finden mußte. Seine Macht wird hier anstelle eines Pfeils mit einer blenden Lichtkugel symbolisiert, die das Schicksal der gegen die Tyrannei des Adels aufbegehrenden Menschen am Ende wenden wird, nicht ohne natürlich deren zur Aufopferung bereiten Mitwirkung.

Jede Szene lohnte, einzeln beschrieben zu werden. Aber das würde dem Vergnügen des eigenen Erlebens im Wege stehen. Denn wie der wütende, um seine Heirat betrogene, vom Volk mißachtete Borilée noch in archaischer, unmenschlicher Weise den gefährlichen Nordwind, seinen Namensgeber, den Borea, herbeiruft, um ihm die Vernichtung der Welt zu befehlen, das ist heutzutage ein seltenes Bühneneriegnis, und wäre gar nicht denkbar ohne das phantastische Zusammenwirken von allerlei Trickkünstlern der Technik und des fröhlcihen Orchestereinsatzes; allen voran vielleicht der donnergewaltige, Regen herbeipeitschende  pfeifende, sturmheulende Schlagzeugkünstler oder der Bildererfinder von Blitzen und Regen und aller möglichen Urgewalten, die über das arme Volk hereinbrechen, ihre Königin entführen und ein heilloses Chaos hinterlassen.

Somit wäre die Geschichte eigentlich am Ende, die Tyrannen hätten gewonnen, die Humanitas wäre in Starre und Ohnmacht versetzt. Doch da kommen Apoll und als seine moderne Inkarnation die Denker, die Intellektuellen ins Spiel. Der arme Abaris, der immer noch nichts Genaues über seine wahre Herkunft weis, die ihn dann doch zum ebenbürtigen Gemahl Alphises erheben wird, bebt zunächst noch stimmlich wie psychisch in schierer Verzweiflung. Es sind stark bewegende Sonette, Arien und Duette für diese edlen Liebenden, die sich selbst zu opfern bereit sind, um einander nicht aufgeben zu müssen. Bis sie dann mit dem blendenen Licht der Hoffnung die Selbstsucht und Dummheit der Herrschenden besiegen und ihr Volk befreien können.

Als Gäste sind Mathias Vidal als leidenschaftlicher und poetisch fein differenzierter Tenor in der Rolle des Abaris zu erleben, als eitler Beau Calisis Sébastian Monti, der die Arroganz des Adels wunderbar lässig intonieren kann und Michael Metzler als Le Tambour mit Extra-Applaus für das Weltuntergangsgewitter ausgezeichnet. Martha Eason verleiht der tapferen Kämpferin Sémire ihren kristallinen Mezzo; ehr- oder furchtgebietend und dominant bezwingen Kihun Yoon als Borilée, Philipp Alexander Mehr als Adamas, Hüter und Meister der Geheimbünde, Leonard Lee, der als Apollo aus dem Weltenraum herabsteigt und Joâo Fernandes als Erzeuger und Ahnherr der Boréades, der  ebenfalls aus einer anderen Welt hervortritt. Lea Bublitz als Polymnie bringt die Erleuchtung aus der Klassik als Mitglied des Opernstudios und Bogna Bernagiewicz als L’Amour verströmt die heilsbringende Liebe. Für das ganze Ensemble, alle Mitwirkenden, den großartig mitspielenden, mit symphonischer Qualität singenden Chor sowie das Staatsorchester unter seinen durch alle Unwetter hindurch eindringlich und leidenschaftlich lenkenden Dirigenten langer begeisterter Beifall. A.C.

 

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