Faust, OL

von Johann Wolfgang von Goethe, Eine Tragödie,
Oldenburgisches Staatstheater, 2020
Regie: Robert Gerloff, Bühne/Figurenbau: Maximilian Lindner, Kostüme/Figurenbau: Lara Hohmann, Musik: Cornelius Borgolte, Choreographie: Mirjam Klebel, Dramaturgie: Jonas Hennicke, Licht: Steffi Flächsenhaar
mit: Jens Ochlast als Faust der Ältere; Johannes Schumacher als Faust der Jüngere; Julia Friede als Mephisto; Rebecca Seidel als Margarete und Meerkater; Helen Wendt als Marthe, Dichter, Erdgeist, Meerkatze; Manuel Thielen als Valentin, Schüler, Altmayer; Tobias Schormann als Wagner, Michael, Brandner; Katharina Shakina als Hexe und Mutter; Antonia Rinkel als Gabriel, Siebel und Serviblis; Hagen Bährt als Der Herr und Frosch

Ein tollerTeufel!

Zu den teuflischsten Darstellern eines Mephisto von Gustaf Gründgens und Klaus Maria Brandauer, die ihre permanente Präsenz letztlich auch der Umsetzung ihrer Bühnendarstellung in das jederzeit abrufbare Medium des Films verdanken, sollte man nun einen weiteren Namen hinzufügen, den einer jungen Dame, die einen neuen Mephisto, nämlich den Schauspiel -Zeitgeist des 21 Jahrhunderts verkörpert – im wahrsten Sinne: Julia Friede spielt mit ihrem in glänzenden engen Lack verpackten beweglichen Schlangenkörper in ungemeiner Lässigkeit und Eleganz; sie rockt und rast und rappt mit atemberaubender Vehemenz, betört und verstört und ist so unheimlich körperlich präsent wie unangreifbar, unbarmherzig fixiert auf Verführung und Schmeichelei, auf Penetranz und gefährliche Lust  – dass es ein wahrer Irrsinn ist. Ein toller Teufel! Voller Bewunderung nicht nur für die sprachliche Authentizität – die allen Schauspielern dieser Aufführung attestiert werden muss – sondern gleichsam für ihr brilliantes pointiertes Verbalisieren aller teuflischen Gemeinheiten, die sich hinter den listenreichen Hilfsangeboten an den verzweifelten, wissenstrunkenen, todesbereiten Doktor der Philosophie, Theologie und Juristerei verbergen.

Der ist mit Jens Ochlast ein überforderter Wissenschaftler, der entmutigt ob der Last aller Ungewissheit zwischen  alter Gottesgläubigkeit und den unwiderlegbaren klassischen Erkenntnissen der alten Welt schwankt, während am Horizont ein neues Licht wie eine Verheißung aufblitzt: der Verstand, die Vernunft wird den neuen Menschen begleiten und führen. Goethes eigenes Statement, das selbige, rastlose Suchen nach endgültigen Wahrheiten standen unter anderen Pate als Idee zu diesem Drama der Menschheit. Geschichte und Mythen, Märchen und Realität, Sitten und Bräuche des Mittelalters wie die neuen Fragen einer lebendigen Gegenwart gelten als Fundament für des Deutschen meistgelesenes, meistgeliebtes mit tausendundeiner Wahrheit gespickten Schauermärchens – das Vermächtnis eines großen Dichters.     

Und er wird niemals, auch für alte Faust- und Goethekenner, nur einen Augenblick lang, dieser musikalisch gewürzte Abend, der sich mit bizarren, unheimlichen Spielfiguren, Geistern, Hexen, Masken, Totemköpfen, Mystischem und Mythen schmückt, köstlichen Humor mit drohenden, hintergründigen Gedanken verbindet. So einfach geht es nun nicht, ihr Lieben, sagt sich der Regisseur, und grätscht mit einem kreativen Team in immer neuen Überraschungen ins Spiel der wohltemperierten Verse, die in Schülerhirnen schnell haften und ebenso schnell wieder verflogen sind. Später und dann wirklich sehr viel später, entfalten sich die alten zu neuen großartigen  Erkenntnissen – mit Entsetzen und Häme zugleich am zeitlosen Spiel, das der Teufel mit der Menschheit treibt.

Und wenn es so hingebungsvoll zelebriert wird, wie hier, dann regt es ja letztendlich dazu an, ein wenig mehr in der Geschichte des Faust zu forschen; in Goethes Zeit hineinzugehen, um zwischen Himmel und Hölle, Erdenlast und Menschenleid die großen philosophischen Fragen und psychologischen Analysen der Menschheitsgeschichte zu untersuchen, Realität und Sagenwelt zu verknüpfen und sprachlich mit Silbertinte zu formen.

Die Schauspieler sind in ihren Partien unbekümmert jung wie Manuel Thielen als Fausts Schüler und Rebecca Seidel als verführtes Mädchen, das so tief ins Unglück gestürzt wird, dass es zu jeder Zeit alles Mitleid der Welt verdient. Johannes Schumacher als Faust der Jüngere hat es nicht leicht nach dem dramatischen Höhenflug des Älteren und als nunmehr willenloses Anhängsel dieses verdammten Teufels, den unglücklichen Pakt weiterzuführen. Noch kann er weder Gretchen aus dem Gefängnis noch sich selbst aus des Teufels Klauen befreien. Helen Wendt mag als Marthe Schwertlein vielleicht noch die Ausgekochtheit der alten Kupplerin fehlen, aber in ihrer Variationsfähigkeit  zeigt sie wie ihre Kollegen, die ebenfalls mehrere Rollen übernehmen, eine beachtliche Spannbreite. Herzlicher langer Beifall! A.C.

 

 

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