Die Macht des Schicksals,OL

Oper in vier Akten von Guiseppe Verdi; Dichtung von Francesco Maria Piave nach dem Schauspiel “Don Alvaro o`la fuerza del sino” von Àngel Pe´rez de Saavedra

Oldenburgisches Staatstheater, Oktober 2026

Musikalische Leitung Panagiotis Papadopoulos, Oldenburgisches Staatsorchester, Opern- und Extrachor und Statisterie des Oldenburgischen Staatstheaters; RegoeJoan Anton Rechi, Ausstattung Markus Erik Meyer, Dramaturgie Antje Müller/Anna Neudert, Licht Steffi Flächsenhaar, Choreinstudierung Thomas Bönisch/ Gyuseong Lee, Fechtchoreografie Robert Schnöll.

 mit: Adréana Kraschewski als Leonora di Vargas; Christina Melis als Preziosilla, Jason Kim als Don Alvaro, Filippo Bettoschi als Don Carlo di Vargas, Paul Brady als Mönch Melitone, Seumas Begg als Mönch Trabuco, Seungweon Lee als Padre Guardiano, Irakli Ataneslishvili als Marchese de Calatrava, Maaike Poorthuis als Curra, Stephen K. Forster als Alceda und Chirurgo 

Schicksal – selbstbestimmt oder vorbestimmt?

Das ist zwar Original Verdi, und dennoch ist es eine absolut neuwertige Interpretation in der empathischen  Charakterdarstellung und vielsagender Regieführung, die sich – aus heutiger Perspektive – kritisch gegen die Macht des Schicksals stellt. Mag die symphonische Ouvertüre auch mit markanten musikalischen Schicksalsschlägen des Orchester sofort auf die düstere Entwicklung des Lebensablaufes dieser Menschen hinweisen, so zeigt der elegische Kontrapunkt der schweigenden, bereits im dunklen Übergang in das Reich des Ewigen angekommenen Protagonisten, die sich schemen- und schattenhaft in einem fächerartigen, schräg ins Unendliche weisenden Kubus auf verschiedenen Ebenen bewegen, nachdenklich das bekannte tragische Ende. Bis auf den seelenvollen Don Alvaro,der, mit immerwährenden Schuldgefühlen behaftet, verzweifelt weiterleben darf oder muß?

Die großartige Adréana Kraschewski führt mit variationsreicher gesanglicher Virtuosität wegweisend durch die Inszenierung, in blutrote Kleider und Mäntel gehüllt, erleidet sie noch einmal das gebeutelte Leben der Männer, die sie liebte: das des Vaters, der durch einen unglücklichen, selbstausgelösten Schuss sterben musste und somit das folgende Unheil auslöst, ihren von der Familie nicht akzeptierten Verlobten Don Alvaro, einem aufrechten Charakter in einer kriegsgebeutelten Zeit und den unheilvollen Weg des rachwütigen Bruders Don Carlo di Vargas, der wie ein furioser düsterer Geist nicht von seiner blinden Wut lassen kann und Liebe und Freundschaft vernichtet.

Indem die sanftmütige Leonore,  den Autoritäten ihrer schmalen Welt, der Kirche und der absoluten Gotteshingabe sowie der Autorität des Vaters absolut ergeben, den Geliebten anfleht, den Zeitpunkt ihrer nächtlichen Flucht und Eheschließung gegen den Willen des Vaters noch bis zum Morgen aufzuschieben, weil sie vom Vater den Segen erhofft   –  fordert sie das Schicksal heraus . Sie ist die Inkarnation der leidgeprüften, gehorsamen Weiblichkeit jener Zeit, in der Kirche und Fürsten, Männer jeder Gesellschaftsschicht die absolute Macht über alle hatten, die ihnen untergeben waren: Die Frau, um die es hier geht, aber auch natürlich das wankelmütige jubelnde Mitläufertum des unwissenden und missbrauchten Volkes, das mit aufgestachelter Wut, in Furcht vor der Kirche und der weltlichen Obrigkeit  in   sinnlose Kriege ziehen.

Die tragische Familiengeschichte wechselt auch musikalisch in lebendige Genrebilder szenenweise aus einer steifen Würde des Adels in das beschwingte lebensfrohe volkstümliche Leben in Wirtshäusern und auf Marktplätzen und zeigt die brüderliche Verbundenheit der Soldaten, die, den Tod vor Augen, sich untereinander als Freunde beweisen. Wie auch Don Alvaro als Hauptmann unter neuem Namen großen Ruhm erlebt und von Leonores Bruder, Don Carlo, der seine Herkunft ebenfalls tarnt, gerettet wird. Und wieder ist es die Tragik des Schicksals, die beide auseinanderbringt, als Don Carlo, nach erfolglosem Ringen um seine Zügelung der Neugierde,  in dem Rucksack seines Freundes jäh das Bild seiner Schwester entdeckt. Die Rachegelüste, die sogleich wieder seinen Verstand umnebeln und die Freundschaft augenblicklich verbrennen, ist musikalisch ungeheuerlich und ergreifend. Hier kennt auch die Stimme keine Gnade. Urna fatale delmio destino

Bedrückend ist auch die Zeremonie der Aufnahme Leonores in die Klostergemeinschaft. Leonore versucht, nachdem sie ihren Geliebten auf der Flucht verloren hat, ihren Seelenfrieden bei Gott in der absoluten Abgeschiedenheit zu wiederzufinden. Groß angelegte Arien und schwermütige Klagen wechseln in der Gemütslage der von allen geliebten Menschen verlassenen Frau. Dass eine Darstellung solcher Seelenpein eine ungemeine Herausforderung für eine Sängerin darstellt, ist als  große Kunst in vielen Opern selbstverständlich. Für die Komponisten scheint es ein Leichtes, absolute Höhen und Tiefen im Wechsel der Dramatik in eine schwindelerregende Abfolge von Noten zu verwandeln, von der Sängerin verlangt es absolute Kongenialität. Frau Kraschewski nimmt diese Partien mit kraftvoller Ausstrahlung, Würde und Grandezza und in den letzten großen Arie  hingebungsvoll um Friede, Einsamkeit und Erlösung flehen.

Aus der Petersburger Inszenierung wurde wohl die düstere, mysteriöse Zeremonie der Mönche übernommen, die sich unheimlich in ihren Klangfarben wie auch im Bühnenbild in einem Milieu abspielt, das hier eher an die absolute Hingabe erinnert, als Liebe und Erlösung verspricht. Der Chor der Mönche gemahnt Leonora sehr sinnlich an die Jungfrau Maria  als schwebende Königin der Engel…” Und Leonorea stimmt engelsgleich ein. Eine der eindrücklichsten Szenen dieser Aufführung.  Und wieder ein emotionaler und szenischer Schwenk: denn auch im Kloster geht es zuweilen recht volkstümlich und menschlich zu. Denn wie sich die beiden Brüder im Geiste Gottes recht eigennützig zu behaupten wissen, ist eine der etwas sehr ausgeprägten , doch herrlich komischen Partien, die von  Paul Brady und Seumas Begg vorzüglich zur gespielt und gesungen werden.

Durch das wechselhafte Leben dieser Menschen führt Preziosilla, eine verführerische, lebensfrohe Frau, die Christina Merlis mit ungetrübtem Mut aller Traurigkeit und allem Elend die Stirn bietend, vielleicht als Begleiterin der Soldateska oder Animateurin des Volkes, vielleicht auch in der Rolle als Wahrsagerin spielt, die aber keinerlei Erfolg mit ihren Prophezeiungen gegen das Schicksal hat.

Herzlich dankenden Beifall für ein Ensemble, das sich einer großen herausfordernden Oper stellt und  Anerkennung für alle Mitwirkenden, die den Erfolg einer vielfältigen, dynamischen und anregenden Inszenierung garantieren A.C.

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