Category Archives: Ernst/ Heiter

Permalink to single post

Das Leben ein Traum, OL

Die Bühne ist kein Traum, sondern ein Alptraum: lichtdurchflutetet zwar, aber durch die schmalen hellen Längsstreifen, die sich über die dunklen Wände und den Boden bis zur Rampe hinziehen, dann doch eher Gefängnis als ein gemütlicher Lebensraum. Und in der Mitte ragt ein Zylinder in die Höhe, eingezäunt mit langen Seilen, die, einem schmalen Gitter gleich, das Verlies für den armen Sigismund darstellen. Der lebt dort seit Säuglingstagen nachdem die Mutter bei seiner Geburt starb, und der Vaterkönig dem Kind nicht nur die Schuld am Tode der Gattin gab, sondern sogleich den schrecklichen Visionen der Sternendeuter und anderen Wahrsagern vertraute, die dem Prinzen schlechtmöglichste Eigenschaften andichteten, mit denen er König und Polen einst in das Verderben stürzen würde. Und wie bei Vorhersagen üblich, bekannt aus der Antike, wird der bedrohliche Faktor erst einmal aus dem Weg geräumt. Was dann folgt, 20 Jahre später, ist eine vergnügliche, tiefgründige Satire.

Permalink to single post

Die Hose, B

Fünf typische Vertreter einer Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts geben hier eine Vorstellung ihrerselbst, entlarvt von einem Autor, der ihre Eitelkeiten wie ein meisterlicher Detektiv schonungslos entblößt. Ihre Vertreter auf der Bühne scheinen allesamt dem Simplizissimus entsprungen, Karikaturen, prall, drall, aufdringlich, grell – wie in der Commedia dell’Arte – alle Konventionen mit ätzender Spaßigkeit verhöhnend, überquirlt Sahne zu Butter schlagend. Die geistreich komisch-bitteren Bonmots und entlarvenden Wortwitzeleien werden schnell, zu schnell bisweilen heruntergeschnurrt, zermahlen, zerpflückt und passend florettiert in einer dominanten Männergesellschaft, deren Horizont sich beschränkt und begrenzt auf dröhnenden “Gesang” am Stammtisch, wo sich Engstirnigkeit, bürokratische Überkorrektheit, Urteil und Vorurteil, Hochmut und gefährliche Dummheit einen Thron der Selbstherrlichkeit errichten. Prototypen einer Epoche, die in ihrer blinden Absolutheit geradezu auf ein Desaster zugehen mußte. Dass dies Stück seinerzeit zum Skandal wurde und den Berliner Polizeipräsidenten Traugott von Jagow sogleich zu einem Verbot aus “Gründen der Sittlichkeit” veranlaßte – und die Premiere nur durch die dilpomatische Begleitung der Schauspielerin Tilla Durieux gerettet werden konnte, machte es natürlich schon 1911 zum absoluten “Hit” aller Berliner.

Permalink to single post

Entartete Kunst, B

Warum ist Kunst so teuer, wer vermittelt An- und Verkäufe, was sind Schattenhändler, und welche Werte befinden sich tatsächlich im Besitz von staatlichen Galerien? Und last not least: warum gibt es noch immer kein Gesetz, das die Restitutionsansprüche der von den Nazis enteigneten Besitzer regelt? Fragen, die so nebenbei in dem geschickt aufgebauten kleinen Kabinettsstück von Ronald Harwood auftauchen und doch in dem Bilder-und Steuerstreit in den Jahren 2012 bis 2014 letztendlich von entschiedender Bedeutung waren, um die Rechtmäßigkeit des 1500 Werke umfasenden kostbaren Kunsterbes von Cornelius Gurlitt zu klären. Im Theater nun, auf der mit von den Nazis als entartete Kunst gebrandmarkten Bildern dekorierten Bühne, kämpft ein Mann um seinen Besitz, verteidigt die Rechtmäßigkeit seines Erbes gegen die unerbittliche Inqusition der Vertreter der Münchener Staatsanwaltschaft. Mit Udo Samel als sprachgewiefter, beinahe sokratisch argumentierender Gurlitt, der pfiffig und zotig, kindlich und trotzig, naiv und schlau zugleich gegen eine Welt und eine Wahrheit ankämpft, die er bisher mied wie die Pest. Sie diente ihm lediglich zum Ausflug in die Kabinette jener Schattenhändler, denen er und hin und wieder eines seiner Erbstücke über die Schweiz verkaufte. Wieder einmal zeigt das Renaissance Theater ein bezauberndes Spiel um ein ernstes Thema.

Permalink to single post

Der Vetter aus Dingsda, OL

Ein kleines Operettenschmankerl nach alter Art, köstlich serviert, ein wenig mehr Oper als Operette, ein Mix aus kleiner Rocky Horror Show, Comedia dell’arte, Volksschwank und dem Bemühen, den alten Gassenschlagern etwas mehr Seriosität einzugeben. Mehr augenzwinkernden Spott, mehr unbefangene Heiterkeit könnte diese Inszenierung noch gut vertragen.

Permalink to single post

La Dame Blanche, OL

Eine beinahe vergessenes Kleinod der französischen Opera comique mit dem Sujet einer opera mystique verbunden, das auf Gruselgeschichten des beginnenden 19. Jahrhunderts basiert und – nun lyrisch und romantisch verpackt- von einem spielfreudigen Ensemble mit großer Hingabe auf der Bühne des Oldenburgischen Staatstheaters gesungen und gespielt wird. Ein opulenter musikalischer Abend. Von der jungen Regisseurin Nadja Loschky mit Humor und Phantasie klug eingerichtet, so dass Operetten- wie Opernfreunde gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Übrigens gibt es auch eine einheimische Version des weltweit verbreiteten Märchens von der geheimnisvollen Frau in Weiß. Sie soll der Sage nach in unseren Osenbergen herumgeistern…

Permalink to single post

Im weissen Rössl, HB

Also, diese Inszenierung ist ein Treffer, den allerdings nicht so recht würdigen kann, wer von der Operette anderes erwartet als was sie traditionell zu bieten hat. Wollte sie sich treubleiben – in einer Zeit geboren (übrigens in Paris) als Scheinheiligkeit und Prüderie, Pedanterie und geistige wie seelische Abstinenz noch vom vikorianischen wie preußisch strengen Zeitgeist geprägt waren und die Künstler als Ventil die Bühne nutzten, um ihre Ketten zu sprengen und ein überbordenes Lebens- und Lustgefühl auszuspielen (bis die Nazis dem wieder ein Ende setzte und die Operette von aller Frivolität und frechem Charme “befreiten”, um sie in einen zuckersüße Schmelztigel zu tauchen) – so musste sie sich neu erfinden. Das heißt, Altes mit Neuem zu verquicken, Bonmots und Gags unserer Zeit anzupassen, die der alten so seltsam ähnlich ist…

« Older Entries Recent Entries »