Category Archives: Neue Inszenierungen

Permalink to single post

Simplicius Simplicissimus, HB

Eine glänzende Marysol Schalitt stellt den kleinen Jungen Simplicius Simplicissimus dar, der aus der Welt geworfen wird und nun in den heillosen Wirren des 30jährigen Krieges seinen Weg sucht. In einem runden Bildausschnitt der hölzernen Bühnenwand hockt die kleine Figur, hilflos und fremd zunächst, doch immer zusichtlicher nachdem sie in dem warmherzigen Eremiten einen fürsorglichen Freund und Lebensberater gefunden hat. Nach dessen Tod wird Simplicius in der häßlichen Welt der Mächtigen landen, denen er mit naiver kindlicher Gewissheit, das wahr ist, was er sieht, als Narr den Tätern die furchtbaren Auswirkungen der endlosen Krieges in einer Parabel vor Augen hält.
Eine spannende, sehr variationsreiche musikalische Kurzfassung eines 600 Seiten umfassenden Werkes aus dem 30jährigen Krieg, das 1936 von dem Komponisten Hartmann als Mahnung geschrieben, aber erst1949 uraufgeführt wurde. Die Bremer Inszenierung hat sich mit Witz und Einfallsreichtum und gewohnt ausgezeichneter Besetzung erfolgreich an ein schwieriges Werk gewagt. A.C.

Permalink to single post

Unterwerfung, HB

Aus der bösen, ja verzweifelten Kritik an der Unentschlossenheit der Intellektuellen und der alarmierenden Vision eine islamischen Regierungsübernahme im Jahr 20122 in Frankreich hat das Ensemble am Bremer Goetheplatz ein pubertäres Kaspertheater gemacht mit einem windelweichen Hochschullehrer François, der durch Inaktivität und phantasierte erotische Abenteuer ein Bild des wahren Jammers abgibt. Ihm zur Seite die lebenslustige Freundin Miriam, die weder emotional noch sexuell einen Widerpart in ihrem Freund findet. Annemaaike Bakker zeigt trotz aller Spärlichkeit einer undurchsichtigen wie unverständlichen Textbearbeitung und stringenter Dramaturgie eine berührende Darstellung . Sie ist voller Liebesfähigkeit, Zärtlichkeit, Lebendigkeit und – am Ende von erschütternder Traurigkeit. Warum sie an diesen Jammerlappen ihr Herz verloren hat , bleibt das Geheimnis der Liebe. Ansonsten ein kunterbuntes Durcheinander mit vier absonderlichen Typen, die auch klasse Musik machen. Die junge Jana Julia Roth wirbt sehr zärtlich mit einem Wehmutssong von Grönemeyer um François’ Realitätssinn. Widerstandslos läßt er sich von Miriam, die eigentlich längst als Jüdin nach Israel ausgewandert ist, und von seinem neuen und alten Wendehals-Dekan in die neue Männlichkeit des Islam einführen: Gebet, Kleidung, Frauen. Wer das Ganze als Schwank aufnimmt, könnte damit zurechtkommen.

Permalink to single post

Untergang des Egoisten Johann Fatzer, B

Was immer man aus der Schlammschlacht dieser bühnen-unreifen Wortgefechte mitnehmen konnte, war in jedem Fall die überzeugende Intensität der Schauspieler, die sich schweißtreibend abrackerten, irgendwo Brecht nahezukommen. Ob als Lehrstück, als philosophischer Disput, ob als proletarische Version eines zum Scheitern verurteilten Humanismus – Denkangebote in bewährter eindeutig-zweideutiger Erkenntnis ganz nach Bert Brecht gab es reichlich. Ob man es besser in der Versenkung gelassen hätte, wäre zu diskutieren. Der Brecht-Verehrer Heiner Müller jedenfalls befand, dass dies Dilemma unauflösbar sei. „Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, sei Verrat“ – am Marxismus, Leninismus, an der Utopie einer proletarischen Weltordnung. Und die steckte an diesem Abend in silbernen Astronautenanzügen.

Permalink to single post

Das Leben ein Traum, OL

Die Bühne ist kein Traum, sondern ein Alptraum: lichtdurchflutetet zwar, aber durch die schmalen hellen Längsstreifen, die sich über die dunklen Wände und den Boden bis zur Rampe hinziehen, dann doch eher Gefängnis als ein gemütlicher Lebensraum. Und in der Mitte ragt ein Zylinder in die Höhe, eingezäunt mit langen Seilen, die, einem schmalen Gitter gleich, das Verlies für den armen Sigismund darstellen. Der lebt dort seit Säuglingstagen nachdem die Mutter bei seiner Geburt starb, und der Vaterkönig dem Kind nicht nur die Schuld am Tode der Gattin gab, sondern sogleich den schrecklichen Visionen der Sternendeuter und anderen Wahrsagern vertraute, die dem Prinzen schlechtmöglichste Eigenschaften andichteten, mit denen er König und Polen einst in das Verderben stürzen würde. Und wie bei Vorhersagen üblich, bekannt aus der Antike, wird der bedrohliche Faktor erst einmal aus dem Weg geräumt. Was dann folgt, 20 Jahre später, ist eine vergnügliche, tiefgründige Satire.

Permalink to single post

Die Hugenotten, B

Als sich Raoul, der Hugenottenführer, hoffnungsfroh und gleichsam naiv in die Höhle offensichtlich allein Weib und Gesang zugetanen adeligen Salonlöwen begibt, in der Illusion, von ihnen Verständnis für die Situation seiner Leute zu erhalten, wird er lediglich zum vergnüglichen Objekt ihrer degenerierten Frivolität. Und während er von ihnen aufgefordert wird, ein Liebesabenteuer aus seinem Leben zu erzählen, und nun zum ersten Mal an diesem Abend Juan Diego Flórez mit einer hingebungsvollen Liebeserklärung an eine schöne Unbekannte seinen Ruf als Startenor verteidigt, warnt ihn jäh sein alter und treuer Kriegs- und Kampfgefährte Marcel vor Papisten und trügerischen Frauenherzen. Keiner nimmt ihn ernst, doch Ante Jercunica läßt als großer asketischer, unheimlicher Gast keinen Zweifel an seinem abgrundtiefen Hass, der sich in einem voluminösen Bass in den wegweisenden Szenen warnend wiederspiegelt. Hier steht ein unversöhnlicher Feind der bigotten Gesellschaft. Aber diese wird erst hundert Jahre später untergehen. In dieser historischen Phase werden es die Hugenotten sein, deren Schicksal hier in einem epischen Drama in vielen Facetten auf die Bühne der Deutschen Oper bewegend nachempfunden wird.

Permalink to single post

Hexenjagd, HB

Erschütternd wie alle Dramen von Arthur MIller ist und bleibt immer das unfassbare, niemals ganz zu fassende Thema psychischer Abgründe, die sich im Wahnsinn unreflektierter Ideologien und Glaubensdiktakte ihr Ventil suchen, und denen die einfachen Menschen hilflos ausgeliefert sind, wenn eine unzugängliche Obrigkeit ihre Macht ungebremst demonstrieren kann. In Bremen erfüllt Regisseur Klaus Schumacher die Aufgabe ganz im expressionischen Sinn und steigert die Selbstsucht und Engherzigkeit der sich gegenseitig an den Galgen liefernden Dörfler in einer atemberaubenden dramatischen Zuspitzung. Eine unheimliche Choreographie auf düsterem Bühnenboden umrahmt diesen Hexentanz der unbedacht ins Bösartige abgedrifteten Kinderbande bis zu einer sich verselbständigen Inquisition in mehrfachem Sinne. Was zunächst noch vielleicht als kitzliges Spiel mit dem Unheimlichen bei nächtlichem Tanz um das Feuer galt und die Phantasie und Sinne der jungen Mädchen benebelte und in taumelnde Exstase versetzte, wird durch die Wahnidee des hysterischen Dorfpfarrers zur lodernden Flamme, die fast alle ins Verderben stürzen wird. Eine Parabel, die wohl leider ewige Gültigkeit hat und aktuelle Parallelen besitzen wird – solange Menschen ihre Frustationen, ihre Leidenschaften und unterdrückten dunklen Seiten in Glaubensdogmen pressen können. Wie der Autor, so kennen auch hier die Darsteller keine Gnade mit den Charakteren, die sie gnadenlos an den Pranger stellen.

« Older Entries Recent Entries »