Category Archives: Neue Inszenierungen

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Fremdes Haus, HB

Die Inszenierung ist gruselig und grausam. Ein indischer Slum ist geradezu eine Wohlfühlzone gegen diese Kanalrattenwohnwelt, in der die Häuser fensterlos und die Menschen hoffnungslos sich selbst und anderen das Leben so schwer wie möglich machen. Auf der gefluteten Bühne waten krass geschminkte Frauen und Männer im schmudeligen Wasser herum, in abgerisssener Kleidung und unter brutal harten Rhythmen. Ihre Perspektivlosigkeit lassen sie wie ein Schwarm Hornissen an dem zunächst einzig Unschuldigen aus, der jäh in ihr “Viertel” eindringt und sich als Verwandtschaft herausstellt: Jene hat seine Heimat Mazedonien verlassen, um bei den Verwandten im scheinbar goldenen Westen Asyl zu finden. Da ist Risto, ein früherer Freund von Jenes verstorbenen Vater, jetzt ebenso erfolglos wie verwahrlost; dessen Frau Terese gibt sich fürsorglich, eine Prostituierte naturgemäß zugänglich, die Cousine anschmiegsam und der angeheiratete Cousin feindlich. Damit sind zunächst einmal die äußeren Verhältnisse geklärt.
Was sich nach und nach als Familien- und Seelendrama entblättert, hat als Inszenierung das Manko einer nur unzureichenden dramaturgischen Bühnenversion eines Romans, ist aber als Theaterstück geschrieben. Dafür sind die Dialoge zu schmal, und die Monologe sprengen intellektuell und in ihrer epischen Länge den ohnehin schlaffen Spannungsbogen der Handlung. Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden “Familienmitglieder” ebenso fasziniert wie ungläubig diesem menschlich unwürdigem Dasein zuschaut, ist allein den hervorragenden Darstellern gezeitigt. Sie werfen sich mit aller schauspielerischen Kraft, die ihrem Rollenverständnis glaubhaft entspricht, in das Seelenmassaker, das persönliches Versagen in ein politisches und soziales Umfeld stellt, ohne dieses allein verantworltich zu machen.

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Lady Macbeth von Mzensk, HB

Leidenschaft im Schaumbad

Die erste Opern-Inszenierung in der neuen Saison ist musikalisch ein explosives Furioso, bietet aber auch mit heiteren und himmlisch harmonischen Einschüben schillernde Abwechlung, wohl ganz im Sinne seines genialen Komponisten. Doch was sich da auf der Bühne in Bild und Darstellung zwischen Waschküche und ewig schleudernder Trockentrommel, biederer Wohnstubenenge und martialisch verkommener Arbeiterumkleide abspielt, zeigt sich nur wenig kongruent mit der hochdramatischen tragischen Liebes- Lebens- und Leidensgeschichte der jungen schönen Industriellengattin: Katerina Ismailowa hat es weder verdient , für ihre vulkanhaft aufbrechenden Gefühle, ihr emanzipatorisches Aufbegehren und ihren Kampf um Gleichberechtigung in eine Waschküche mit einer schaumüberquellenden Wanne hinter Plastikvorhang und billigen Plastiblumen gesteckt zu werden, wo ihre erotische Erfüllung vielleicht als Schaumgeborene ihren kunstvollen Effekt hätte, noch einen Lover, der in voller Werkstattmontur eine Bohrmaschine als ständige Begleitung neben sich herschleppt, die er nur kurz zur Seite stellt, um zu ihr in die Wanne zu steigen! – Faszinierend in ihrer schauspielerischen und stimmlichen Variationsfähigkeit sind Nadine Lehner als Lady und nach wie vor Patrick Zielke als sadistischer Patriarch eines industriellen Imperiums, in dem die Menschen nicht besser als Sklaven gehalten werden. Starker Beifall für Dirigent, Orchester und Bühnenmannschaft, vorrangig natürlich für das großartige Sänger- und Chorensemble.

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La Damnation de Faust, HB

Theater pur, atemberaubende Dramatik, Musik unter Stromspannung, Sänger besitzergreifend, fesselnde Inszenierung in allen Welten, Bühne im bizarren herzlosen Fantasieland, Kostüme klinisch kalkweiß gleißend oder höllenhexenschwarz, Chöre spielerisch biegsam, Kinderchor als Hexenbrut originell, Videos mit Publikumseinbindung verstörend und faszinierend. Zuschauer hingerissen.

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Wunschkinder,B

Der bekannte Bühnenautor Lutz Hübner hat mit diesem Stück, das Torsten Fischer im Renaissance Theater Berlin inszeniert hat, eine lautstarke, teils humorvolle, teils tragische realistätsnahe Story geschrieben, die sich mit gewünschten und ungewollten Kindern, mit überverwöhnenden und ängstlichen Eltern, alleinerziehenden Müttern und taffen Jugendlichen, die noch nicht so recht erwachsen werden wollen, befasst. Es hat einen großen Wiedererkennungseffekt und vermittelt hoffentlich auch genauso viel psychologische Einsicht.

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Yvonne Princesse de Bourgogne, OL

Das Stück von Witold Gombrowicz, 1904 als Sohn eines Landadeligen im polnischen Malooszyce geboren, richtet sich gegen Klassenvorherrschaft, Eitelkeit der Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, und es ist eine wütende Anklage gegen Ungerechtigkeit gegenüber Aussenseitern. 1935 veröffentlichte der Jurist, der sich selbst stets mehr als Künstler empfand und ob seiner vehementen Kritik vom polnischen Staat ausgegrenzt und ins Exil geschickt wurde, dieses Theaterstück, das sein eigenes Schicksal, das Gefühl der Fremdheit und Andersartigkeit in klassischer Form als Sprechtheater auf die Bühne und damit vor ein breites Publikum stellt.

Der Belgische Komponist Philippe Boesman veränderte dieses Stück 2009 zur Oper, zum modernen Musiktheater, das vorwiegend durch und mit seiner Instrumentalisierung eine aufregende Psychologie der Personen schreibt: schrill und aggressiv, polternd und unsensible, wenn die höfische Gesellschaft die stumme, unbeholfende Prinzessin am Hofe grausam verhöhnt und in den Tod treibt – und doch auch zart und poetisch, wenn dieselben Menschen einen Sonnenuntergang bewundern. Doch das ist Natur, der Mensch aber ist schwieriger zu fassen und gar nicht zu begreifen, wenn er sich nicht in die Masse einreiht, fortwährend mit ihr plappert und herumalbert und sich den Mächtigen anbiedert.

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Die Gerechten, OL

Das wäre der historische wie zeitgemäße Ansatz für eine spannende, unter die Haut gehende Inszenierung gewesen: die Regierungsmacht bedient sich auf unglaublich zynische Weise einer Gruppe junger, radikaler sozialkritischer Studenten, die sich mit allen Konsequenzen den Zielen gerecht verteilter Besitzgüter in einer humanen Gesellschaft verschrieben haben. Sie alle sind das Opfer einer infamen Inszenierung, deren mächtige Drahtzieher sie als Handlanger für das Attentat an dem Großfürsten benutzen, einem Onkel des Zaren, der ins Moskauer Abseits geschoben wurde und dessen Inkompetenz und Eigenmächtigkeit der Obrigkeit schon längst ein Stachel im Fleisch ihrer eigenen Vetternwirtschaft ist.

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